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Zwischen EKO-Stahl und Ostalgie

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Eisenhüttenstadt war ein Vorzeigeobjekt des Sozialismus. Noch immer ist das Stahlwerk der größte Arbeitgeber der Stadt, und das Museum für DDR-Alltagskultur verkauft alte Süßigkeiten. (taz 2002)

EKO

Eisenhüttenstadt war ein echtes Vorzeigeobjekt. 1950 baute die junge DDR an der Oder, gut zwanzig Kilometer südlich von Frankfurt, das EKO-Stahlwerk buchstäblich auf die grüne Wiese und mit ihm eine Wohnstadt für die Arbeiter. Die Aufbruchstimmung knisterte. Eisenhüttenstadt war "die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden". Bedenkt man, dass seine Bewohner zu DDR-Zeiten angesichts einer Reihe von Privilegien mit dem Sozialismus noch lange ganz zufrieden waren, dann war es irgendwie auch die letzte. Ein großmäuliger Unternehmensberater aus dem Westen soll Anfang der Neunzigerjahre prompt auf die Idee gekommen sein, die Stadt mitsamt ihrer 40.000 Einwohner komplett als DDR-Freilichtmuseum zu deklarieren. Aus der Idee wurde nichts.

Der erste Weg führt uns zum Eisenhüttenkombinat. Ein kurzer Blick auf den Stadtplan zeigt es bereits: Das Gelände des Stahlwerks ist fast so groß wie der Rest der Stadt. Bei der Anmeldung zur Werkstour hatte uns die Dame vom Werkschutz geraten, besser gleich mit dem eigenen Auto anreisen: Zu Fuß lassen sich die Entfernungen nicht bewältigen, und einen Bus gibt es auf dem Gelände nicht - wer auf dem Fahrrad schnell ist, könnte gerade so mitkommen. Für eine eigene Tour ist unsere Gruppe von drei Personen zwar zu klein, doch der Werkschutz hat uns einen Termin ausgesucht, an dem wir bei einer bereits gebuchten Tour mitlaufen können. An Tor 1 erwartet uns eine Gruppe nur bedingt vertrauenswürdig aussehender Jugendlicher, eine Berufsschulklasse aus der Gegend. Sie fahren Autos mit verdunkelten Fenstern. Ein pensionierter Ingenieur, der hier früher selbst in der Produktion gearbeitet hat, holt uns am Tor ab. Er sagt, das Stahlwerk sei bei seiner Errichtung so angeordnet worden, dass der Wind den Kohledreck aus den Hochöfen nicht in die Stadt, sondern zum sozialistischen Brudervolk jenseits der Oder wehe.

12.000 Menschen arbeiteten hier bis zur Wende. Nach der Übernahme durch den belgischen Investor Cockerill Sambre ist die Belegschaft - rechnet man die Abteilungen mit, die jetzt als Fremdfirmen noch weiter für das EKO arbeiten - auf 5.000 geschrumpft. Immerhin gelten diese Arbeitsplätze als einigermaßen sicher. Darunter sind einige der letzten echten Knochenjobs, die noch jeden Besucher beeindruckt haben.

Mit etwas Glück erreicht die Tour rechtzeitig zum Abstich den Hochofen (haben wir nicht). Mit grünen Schutzhelmen auf dem Kopf zieht der Tross durch die düstere Konverterhalle, in der per Kran aus riesigen Gefäßen der rot glühende Rohstahl zu verschiedenen Legierungen zusammengerührt wird. Lärm und Hitze allenthalben, doch je weiter die Verarbeitung voranschreitet, desto sauberer sehen die Werkshallen aus: Der Rohstahl wird in große Quader gegossen, dann immer dünner gewalzt und schließlich in einer pikobello fast automatischen Lackieranlage veredelt. Wir erfahren, dass es erst die Kapitalisten waren, die mit dem Bau der Warmwalzanlage das Stahlwerk überhaupt erst komplettiert haben.

Der Ingenieur plaudert aus dem Nähkästchen - einmal wurde eine Mitarbeiterin aus der Lackiererei süchtig nach den Lösungsmitteldämpfen und musste versetzt werden – die Berufsschüler verlieren ein wenig die Konzentration und werden von ihrer Lehrerin mit gezielten Tritten gegen das Schienbein zur Raison gerufen. Macht man heute wohl so. Der Ingenieur sammelt die Helme wieder ein. Wir wollen die Stadt sehen.

Eigentlich liegt gleich neben dem Werksgelände ein altes Städtchen, das man seinerzeit einfach hätte erweitern können, um die Stahlwerker unterzubringen: Fürstenberg wurde 1250 gegründet, hat sogar eine ganz hübsche Altstadt und eine recht beeindruckende Kirche aus dem Jahr 1400. Aber so etwas lässt sich nicht als erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden verkaufen. Deshalb war die Arbeitersiedlung bis 1961 zunächst eine eigenständige Gemeinde und trug den fortschrittlichen Namen "Stalinstadt".

Die Arbeiter des Vorzeigebetriebes sollten es gut haben: In einem Stil, der an die Zuckerbäckerbauten der Karl-Marx-Allee in Berlin erinnert, wurden nach den "Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus" vier Wohnkomplexe gebaut. Zu jedem gehörten großzügige Hofanlagen, Grünstreifen und eine komplette Infrastruktur. Nachdem die Gebäude in den letzten Jahren eifrig saniert wurden, sehen selbst die Parkplätze irgendwie gemütlich aus.

In einer ehemaligen Kindertagesstätte hat vor drei Jahren dann doch ein DDR-Museum eröffnet - allerdings gehören die Eisenhüttenstädter hier nicht zum Inventar. Die Ausstellung im "Dokumentationszentrum der Alltagskultur der DDR" ist ganz geschickt aufgezogen: Konsumprodukte wie Rondo-Kaffee, die Komet-Küchenmaschine und Möbel sorgen für das Stückchen Ostalgie, das Besucher anzieht. Dazu gibt es dann Tafeln über Erziehung in der DDR, die Geschichte des Stahlwerks oder Sozialpolitik, und der Museumsshop verkauft eine Überlebenstüte "Der süße Osten" mit fünf Original-DDR-Süßigkeiten.

Und natürlich ist Eisenhüttenstadt ein Zentrum des Sports. In der Nähe des Krankenhauses, gleich hinter der Kleingartenkolonie, liegt ein Skigebiet. In den Diehloer Bergen - der höchste von ihnen ein kapitaler 116-Meter-Brocken - steht nicht nur ein Schlepplift für die alpinen Disziplinen Abfahrt und Slalom, sondern auch eine Skischanze. Den Schanzenrekord von 26,5 Metern hat ein gewisser Lothar Brüll in den Siebzigerjahren aufgestellt. Allerdings bietet Eisenhüttenstadt keine Schneegarantie, und man kann den Termin für das nächste Springen schlecht voraussagen. Dieses Jahr im Februar hat es wieder einmal geklappt - sofort drängte das Volk mit Bratwurst in der einen und Punsch in der anderen Hand an den Hang. Rund 800 Zuschauer waren da. Davon kann der Fussballverein nur träumen.

Zum Abschied kehren wir auf der Lindenallee ein. Auf den ersten Blick ist das "C’est la vie" ein Café im Neunzigerjahre-Kleinstadtchic. Auf den zweiten Blick auch. Aber es hat eine ganz eigene Note: Die großflächigen Fenster sind mit einer Art blauer Plastikfolie beklebt und erzeugen merkwürdige optische Effekte. Während sich der Gast seinem Sandwich mit Milchkaffee hingibt, gewöhnen sich die Augen an das penetrant blaue Licht im Raum. Verlässt man den Raum nach einer Weile, bekommen draußen der Himmel, die Häuser, die Menschen einen bräunlich-gelben Stich - ein sehr ostalgischer Ton. Als wir die Bedienung auf den Gelbstich-Effekt ansprechen, bestreitet sie, jemals etwas in der Art bemerkt zu haben. Aber vielleicht sehen Sie sich das selber einmal an.

Martin Kaluza (Text und Foto)

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