You are here: Home Texte Stralau statt Mailand

Stralau statt Mailand

— filed under: ,

Zum 100. Geburtstag hatte der FSV Berolina Stralau den 1. FC Magdeburg zu Gast und verlor 4:11. Damit drückten die Kiezkicker dem Altmeister mehr Tore rein als einstmals der AC Mailand. (Tagesspiegel 2001)

"Schick mal Papa her, der soll noch zwei Schnäpse kaufen," ruft Dirk Kramp vom Souvenirtisch einem Steppke hinterher. Neben Wimpeln, Schals und Anstecknadeln hat der Verein auch eine Serie Kräuterlikör mit Vereinsetikett aufgelegt. Es gibt etwas zu begießen: Gestern vor 100 Jahren wurde der FSV Berolina Stralau gegründet - beziehungsweise sein Vorläufer, der damals noch Berliner Fußballclub Libertas-Südost hieß. Zur Feier des Tages hat das Präsidium alle Register gezogen und wollte für das Jubiläumsspiel einen Kultgegner organisieren: Den 1. FC Magdeburg mit der Mannschaft von 1974 - das Team, das damals dreimal DDR-Meister war und 1974 im Finale um den Europapokal der Pokalsieger den AC Mailand 2:0 schlug.

Stralau hielt mit einer eigenen Traditionsmannschaft dagegen. Der Verein, bei dem immerhin einmal Sepp Herberger ein Trainerpraktikum absolvierte, bot mit Heiko Schickore und Ralph Poweleit gleich zwei Spieler der legendären Elf auf, die in der Saison 1964/65 Vizemeister der Berliner Juniorenliga geworden war. Drei- vielleicht sogar vierhundert Zuschauer - berieselt mit Puhdys und Wolfgang Petry - wollten den Kick auf dem Laskersportplatz sehen - so viele waren lange nicht mehr da. Der vielleicht größte Erfolg des Kiezvereins liegt schon länger zurück. 1935 hatte sich die damalige Bezirksklassenmannschaft im Pokal neben Schalke 04, Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg bis in die Runde der letzten 16 durchgebissen und scheiterte dann am FC Hanau.

Von 1970 bis 1984 spielte Stralau immerhin noch stetig in der höchsten Berliner Spielklasse, aber heutzutage schlägt sich die erste Herren in Kreisliga A durch so gut sie kann - beziehungsweise, in der nächsten Saison Kreisliga B. Aber daran denkt an diesem ruhigen Sonntagnachmittag niemand. Das Publikum erwartet wurstgestärkt und mit Spannung die alten Meister. Tatsächlich begann die Partie mit leichter Verspätung, weil zwei Magdeburger Spieler noch per Handy durch die Stadt gelotst werden mussten - der Stralauer Kiez ist etwas abgelegen.

Eingekeilt ist die Gegend um den Rudolfplatz von der Warschauer Straße im Westen und dem Markgrafendamm im Osten. Im Süden ist spätestens an der Spree Schluss, und von den Kneipenmeilen Friedrichshains schirmen endlose S-Bahn-Gleise das Wohngebiet gnädig ab. Eine Brücke gab es mal, und wird es auch wieder geben, aber erstmal kommt man nur zu Fuß nach Norden. Irgendwo an der Modersohnbrücke hatten sich die Gäste verfranst.

Als der Stadionsprecher die Aufstellungen von handgekritzelten Zettel verlas, fehlten die angekündigten großen Namen. Martin Hoffmann, Jürgen Pommerenke, Dirk Stahmann und Manfred Zapf waren nicht dabei, und auch Joachim Streich - der Gerd Müller der DDR - lief nicht auf. Fragende Blicke. Trainer Günter Wagner bat um Verständnis: "Er hat sich im letzten Spiel verletzt." Man müsse bedenken, dass sich bei Spielern jenseits der fünfzig die Zipperlein häuften. Aus dem 74er Aufgebot war denn letztlich nur Bernd Darendorf dabei - damals Ersatztorwart. Mit Frank Windelband, Rolf Döbbelin, Holger Döbbel und Damian Halata standen in der Traditionsmannschaft aber dennoch gestandene DDR-Fußballer mit zum Teil über hundert Oberligaeinsätzen.

Das 1:0 für Magdeburg ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Obwohl Stralau zunächst noch ausgleichen konnte, schufen die Gäste bald klare Verhältnisse. 11:4 gewann der Europapokalsieger schließlich, und Berolina-Trainer Manfred Schickgram - seit 1957 im Verein - war letztlich ganz zufrieden: "Ein freundschaftliches Spiel, und wir haben vier schöne Tore gesehen." Friese, Rossa, Fischer und Jonelat (aus 30 Metern, ein Schuss wie ein Strich) haben für die Gastgeber getroffen. Dass hinten irgendwie elf reingerutscht sind, stört niemanden groß - schließlich hatte sich Berolina auf eine im Schnitt wesentlich ältere Gastmannschaft eingestellt und selbst fünfzig- und sechzigjährige Spieler aufgeboten. Und gegen die Enddreißiger aus Magdeburg - das Publikum ist sich einig - hat der Kiezverein dann doch wieder ganz gut ausgesehen.

Martin Kaluza

Document Actions