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Adorno in Neapel

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In jungen Jahren verbrachte Adorno drei Wochen an der Amalfiküste. Eine Tour, die sein Denken und Schreiben spürbar geprägt haben soll. Eine Rezension (mare 2014)

Herbst 1925, eine interessante Gesellschaft hat sich da im Süden Italiens versammelt. Zu seinem 22. Geburtstag bereist Theodor Wiesengrund-Adorno Neapel, Capri und die Amalfiküste mit dem unglücklich in ihn verliebten Journalisten Siegfried Kracauer. Sie treffen auf Walter Benjamin, der sich mit der lettischen Schauspielerin Asja Lacis liiert hat und unter ihrem Einfluss zunehmend politisiert. Zu ihnen gesellt sich der aus einer Industriellenfamilie stammende Alfred Sohn-Rethel, der mit seinem Elternhaus gebrochen und sich in die Lektüre Karl Marx' vergraben hat. Die Runde diskutiert gerne, es geht hoch her. Der reservierte Sohn-Rethel empfindet Benjamins scharfe Kommentare als "terroristischen Akt", Kracauer hat als Stotterer einen schweren Stand. Adorno sucht Streit auf hohem Niveau und nervt die Älteren mit seiner Genialität. Er beschreibt die Gespräche in einem Brief an seinen Kompositionslehrer Alban Berg als "philosophische Schlacht", in der er das Feld gut behauptet habe.

Adornos dreiwöchiger Aufenthalt am Golf von Salerno hat, so will es Autor Martin Mittelmeier zeigen, tiefe Spuren in seinem philosophischen Werk hinterlassen. Er liest Adornos Texte als "hochreizvolle Inszenierungen neapolitanischen Irrsinns". Vor allem die Idee der "Konstellation" hat es der Runde um Adorno angetan. Jeder der fünf wird das Wort in den nächsten Jahren benutzen, wenn es darum geht, zu beschreiben, wie sich kaputte Dinge zu etwas erstaunlichem Neuen zusammenfügen. Adorno versteht "Konstellation" als eine Art, ganze Bände scheinbar unverbundener Essays aufzubauen: Es wird nicht stringent argumentiert, sondern verschiedene Beobachtungen gruppieren sich um eine Mitte, die selbst nicht besetzt ist - wie in einer Sternkonstellation. Einen Vorläufer findet dieses Prinzip in der Idee der Porosität - allgegenwärtig auch im Tuffstein Neapels.

Beispielen von Porosität und Kostellationen begegnen die Diskutanten in der Architektur und der Improvisationskunst der Bewohner Neapels. Und sie sammeln weiter Eindrücke. Bewundern die erstarrte Lava des Vesuvs, begutachten Kunsthandwerk in Sorrent. Das Küstenstädtchen Positano erscheint ihnen - für heutige Besucher kaum nachzuvollziehen - als finsterer Ort. Die Friedhöfe an den Hängen der Stadt werden, so erzählt man sich, bei starken Regefällen ausgespült, bis die Skelette in den Straßen und Gärten liegen. Am Ortsrand sprengt der einhodige schweizer Futurist Gilbert Clavel um sein Turmhaus herum Gänge in die Felsen der Amalfiküste.

Der Komparatist Mittelmeier versteht es, die Bezüge, die er zutage fördert, auf seine These hinzuzwirbeln. Hat die Metapher der Sprengung, auf die Adorno in seinem Kierkegaard-Buch zurückgreift, nicht ihren Ursprung in einem Besuch bei Clavel in Positano? Spricht er in seinem Essay über Schubert davon, ein musikalischer Sinn sei in totes Material "eingelegt", weil er in Sorrent Intarsienarbeiten bewundern konnte? Hat Adorno beim Besuch des neapolitanischen Aquariums in den Gallertwesen die Marx'sche Metapher von der gallertartigen Gegenständlichkeit unterschiedsloser menschlicher Arbeit wiedererkannt? So könnte es gewesen sein. Und wäre das Jahrhundert nicht verlaufen, wie es ist, spekuliert Mittelmeier, vielleicht hätte es statt der Frankfurter eine Neapolitaner Schule gegeben.

Text: Martin Kaluza

Martin Mittelmeier: "Adorno in Neapel. Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt". Siedler Verlag, München, 2013.

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