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Rache, Korruption und Gnade auf dem Golfplatz

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Rein platonisch: Philosophisches Spazieren auf dem Peloponnes (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 2012)

Der elektrische Sechssitzer gleitet nahezu lautlos zwischen Olivenbäumen entlang, die späte Nachmittagssonne taucht die sanft geschwungenen Hügel des Golfplatzes in ein warmes Licht. Als Eleni Volonaki unter einem der Bäume auf der Höhe von Loch 16 ein paar einfache Holzstühle mit Sitzflächen aus Stroh erblickt, schaut sie irritiert. „Die stehen falsch, der inspirierende Baum ist da hinten“, sagt sie und deutet auf ein besonders knorriges Exemplar, vierhundert Jahre alt und so breit wie hoch. Schnell werden die Stühle umgestellt. Die inspirierende Atmosphäre ist wichtig.

Olivenbaum

Volonaki ist Dozentin für altgriechische Literatur an der Universität des Peloponnes. Heute leitet sie allerdings einen philosophischen Spaziergang für Laien. Der Ausflug gehört zum Freizeitprogramm, das den Gästen des Luxushotels „Westin Resort“ in Costa Navarino angeboten wird. Ein wenig Nachdenkliches kann an diesem Ort nicht schaden. Das Hotel ist Teil eines 1,2 Milliarden Euro teuren Investitionsprojekts, mit dem eine Reederfamilie Tourismus im großen Stil in ihre Heimatregion bringen will. Kritiker werfen den Investoren Umweltzerstörung vor. Hunderte Olivenbäume seien abgeholzt oder verpflanzt und Bauern von ihren Grundstücken verdrängt worden. Ob die Bewohner der Region je von dem Projekt profitieren werden oder nur die Eigentümer, ist nicht ausgemacht.

Der Spaziergang findet im Sitzen statt, die Anfahrt erfolgt per Golfwagen. „Philosophische Spaziergänge gehen auf die peripatetische Schule des Aristoteles zurück“, erklärt Volonaki. Als der nach dem Zerwürfnis mit seinem Schüler Alexander dem Großen nach Athen zurückkehrte, habe er mit seinen Studenten mangels anderer Orte in einer Wandelhalle – Peripatos – im Gehen philosophiert. Die Spaziergänge auf dem Golfplatz leitet die Altphilologin im Wechsel mit zwei Athener Professoren immer am Wochenende. Heute ergänzen Mitarbeiter des Hotels die Teilnehmerrunde. Die Saison hat gerade erst begonnen, der Andrang ist gering.

Man mag darüber sinnieren, dass Philosophie als Luxusgut im Urlaubsresort angeboten wird, während sie an den Universitäten Rechtfertigungskämpfe um die Mittelvergabe ausfechten muss. Doch solche Gedanken verfliegen, als die anlandige Brise den Duft des Ionischen Meeres über den perfekten Rasen trägt und die Blätter der Olivenbäume ein kleines bisschen rascheln lässt. Das ganze Setting sagt dem Teilnehmer: Hier hast du Zeit. Du kannst nachdenken. Der alte Baum hilft dir. Man beginnt unweigerlich, in Hauptsätzen zu denken.

Die Dozentin setzt die Sonnenbrille auf und verteilt Blätter mit Zitaten. Thema des Gesprächs wird Korruption sein. Die Teilnehmer tauschen vielsagende Blicke. Platon, erklärt die Dozentin, hielt die Demokratie für gescheitert, sie führe zu Bereicherung und Anarchie. Stattdessen brauche der Staat einen starken Lenker, der sich uneingeschränkt in den Dienst des Allgemeinwohls stelle – einen Philosophen.

Platon stellte sich die Philosophenkönige als in Mathematik, Gymnastik, Musik und Dialektik bewanderte Politikmanager vor. Und heute? Welche Voraussetzungen versprechen eine Politikerkarriere? Unter dem inspirierenden Baum beginnt die Runde zu grübeln. Braucht man vor allem Machtinstinkt? Ein Jurastudium? Oder geht es vielmehr um Medienwirksamkeit und Selbstmarketing? Und wie bringt man Politiker dazu, ihre Fähigkeiten zugunsten des Gemeinwohls einzusetzen und nicht für Partikularinteressen?

Platons Lösung war so schlicht wie radikal: Er wollte den Regenten materiellen Besitz verbieten. Ein Teilnehmer meldet Bedenken an. Die Forderung widerspreche der menschlichen Natur. Selbst wenn es so jemanden gäbe, gebildet, frei von Gier und immer das Gemeinwohl im Blick – würde er überhaupt gewählt? Die Griechen aus der Runde sind sich sofort einig: So ein Kandidat hätte gute Chancen. Die Sehnsucht nach redlicher Politik ist geradezu greifbar.

Kaum hat das Gespräch jedoch Fahrt aufgenommen, ist die vereinbarte Zeit um. Nebenan stellt sich ein Golfer in Position und beginnt, Abschläge zu üben. Die Gruppe faltet die Zitateblätter und klettert in die Elektromobile.

Nur wenige Kilometer von Costa Navarino entfernt liegt der Palast Nestors auf einem Hügel. Die Ausgrabungsstätte wäre in jedem anderen Land eine archäologische Sensation. Doch hier geht es beschaulich zu. Nestor, der sagenhafte König von Pylos, war Berater Agamemnons und eine wichtige Figur der „Ilias“. Die Archäologin vor Ort bittet, eine aufdringliche Biene nicht wegzuschnipsen: „Das könnte der Geist Nestors sein.“

Von seinem Palast sind kniehohe Grundmauern und die Fußböden geblieben. Wie auf einem Grundriss sind Hof, Vestibül, Thronsaal und die angrenzenden Räume zu erkennen, ein Bad mit verzierter Badewanne. Eine schlichte Blechkonstruktion überspannt die Anlage. Irgendwann einmal soll sie erneuert werden.

Am Fuß des Hügels liegt unter einer Lagune verborgen das antike Pylos aus dem hellenistischen Zeit-alter, also etwa aus der Zeit Platons. Die örtlichen Behörden versuchten mehrfach, die Lagune abzupumpen, nicht zuletzt, um das darunter liegende Ackerland zu nutzen. Aber es fließt immer wieder Wasser aus den Bergen nach. Die ehemalige Pumpstation beherbergt jetzt eine Vogelausstellung.

Zurück auf dem Golfplatz geht es noch einmal um die großen Themen – um Gerechtigkeit und um Rache. Im antiken Griechenland, so erfährt der Gast, war Rache nicht das negativ belegte Gefühl, als die wir sie heute kennen. Sie habe vielmehr eine praktische Funktion in einer Art Frühform des Rechtssystems eingenommen. Geschah etwa ein Mord, hatte die Familie des Opfers nicht nur das Recht, am Täter Rache zu üben. Sie war sogar dazu verpflichtet, um die gesellschaftliche Ordnung wiederherzustellen.

Abwenden ließ sie sich nur durch Mitleid, und auch das muss man sich sehr pragmatisch vorstellen. Der Täter musste es sich nämlich durch persönlichen Einsatz für die Gemeinschaft verdient haben. „Man würde sich verteidigen, indem man sagt, ,ich bin ein guter Bürger und werde hier zu Unrecht angeklagt‘“, erklärt Volonaki. „,Gebt mir Gnade‘ heißt einfach ,ihr seid mir das schuldig‘.“ Und so landet das Gespräch wieder bei der Korruption.

Beim Blick über den durstigen Golfplatz, zusammengestückelt aus den ehemaligen Grundstücken kleiner Bauern und Bewohner, fragt man sich, ob hier nicht ein Fall antiker Gerechtigkeitslogik praktiziert wurde. Hat man dem Investor, der seine Verdienste um die Region geltend macht, zu viel durchgehen lassen?

Text und Foto: Martin Kaluza

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