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Philosophie hinter Gittern

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Aus dem Elfenbeinturm in den Strafvollzug: Zwei Berliner Akademiker besuchen Häftlinge, um mit ihnen zu philosophieren. (FAZ 2001)

Während Horst Gronke noch mit einem großen Bogen Papier und Klebestreifen an der Wand hantiert, packt Uwe Nitsch den Kuchen auf den Tisch, den er im Gefängnisshop gekauft hat. Eigenen Kuchen von draußen mitbringen durfte er nicht - Vorsichtsmaßnahme. Kaffeetassen werden über den Furniertisch geschoben, in der Ecke gluckert ein Aquarium. Es ist fast ein bisschen gemütlich im “Pavillon” - so heißt dieser Gruppenraum in der Teilanstalt V - mit den pastellfarbenen Wänden und den Häkelgardinen an den Fenstern. Dahinter die Gitterstäbe. Alle zwei Wochen kommen die Akademiker Horst Gronke und Uwe Nitsch in die Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, um mit einer Handvoll Langzeitgefangener philosophische Gespräche zu führen.

Das Protokoll vom letzten Mal liegt auf dem Tisch. Das Thema lautete: “Dinge verändern?”, und die Gedanken hatten sich an einem alltäglichen Beispiel entsponnen: Nach anderthalb Jahren Haft hatte Thomas neun Kilogramm zugenommen und fühlte sich unwohl damit. Einen Trainingsplan zum Joggen hatte er schon lange in der Schublade liegen, aber nie so richtig in Angriff genommen. Dann erschien im Fernsehen Fitnesspapst Strunz, und nun klappte es. Dass das Beispiel aus dem Leben gegriffen ist, gehört zur Methode - da kann jeder mitreden.

Beim letzten Treffen hatte sich Thomas auch schon eine Theorie zurechtgelegt, was eine Veränderung ausmacht: Am Anfang steht Leidensdruck, und wenn eine Erkenntnis hinzukommt, dann folgt das Handeln. Damit hat Thomas, ohne es zu wissen, ein Modell formuliert, das dem von Sokrates nahekommt. Doch Horst Gronke, der an der Freien Universität Philosophie lehrt, wird sich hüten, ihm das zu sagen - erst einmal geht es darum, dass das Gespräch rund läuft.

Thomas weiß aber inzwischen mehr: Neben der Erkenntnis und dem Handeln gibt es Widerstände. Die Angst, ausgelacht zu werden, zum Beispiel: “Wenn die Widerstände schwerer wiegen, passiert gar nichts.” Frank, der sich das Ganze eine Weile angesehen hat, ist nicht zufrieden. Ihm ist das Modell zu statisch. “Es muss ein Prozess sein”, sagt Frank. Damit haben sich in der Runde also schon zwei Theorierichtungen herausgebildet.

Derweil sitzen Eberhard, Manuel und Peter mit wachsender Ungeduld daneben. Ihnen liegen greifbarere Themen mehr. Gronke beginnt, Listen aufzuzeichnen. Widerstände, Erkenntnis, Leidensdruck - dafür sollen Beispiele gesucht werden. “Wenn man sich auf der abstrakten Ebene bewegt, reden Normalsterbliche leicht aneinander vorbei”, weiß Gronke.

Der Philosophiedozent und der Sozialwissenschaftler und Historiker bieten schon seit einer Weile philosophische Gespräche an. Regelmäßig laden sie zum Philosophischen Diner in Spezialitätenrestaurants, wo man sich beim Menü mit jedem Gang in höhere Abstraktionsstufen vortastet. Auch hierher kommen vor allem Leute, die mit Aristoteles oder Hegel wenig am Hut haben. Auf die Idee, das gepflegte Gespräch auch im Knast anzubieten, kam einer ihrer Zuhörer. Gero Meinen, damals Vollzugsleiter in Tegel und heute Richter am Berliner Landgericht, kam nach einem Volkshochschulkurs bei Nitsch über sokratische Gespräche die Idee: “Das wäre doch was für unsere Jungs.”

Die Anstaltsleitung schickte Nitsch und Gronke in die Teilanstalt V, in der Gefangene mit einem Strafrest von mindestens drei Jahren einsitzen, bis hin zu lebenslang. Hier im Gesprächskreis habe man es freilich mit den engagiertesten Gefangenen zu tun. In Haus V sind die untergebracht, von denen sich die Anstaltsleitung die größte Chance auf Resozialisierung erhofft. Die Zellen in dem Achtzigerjahre-Bau heißen “Behandlungsorientierter Wohngruppenvollzug”. Ältere Gebäude der JVA sehen aus, wie man es aus amerikanischen Gefängnisfilmen kennt - lange Gänge um einen überdachten Innenhof.

Frank ist schon seit fünf Jahren in Tegel; sein Urteil lautete auf lebenslang wegen Mordes. In Berlin, rechnet Frank vor, liege die abgesessene Zeit im Durchschnitt bei 18,5 Jahren. Doch die Tat bestreitet er nach wie vor. Die Gruppe mit den philosophischen Gesprächen ist nicht die einzige, an der er teilnimmt. Die Theatergruppe, das Internetprojekt, Schreibgruppen - er ist, auch neben seiner Arbeit in der Druckerei, ein beschäftigter Mann: “Ich arbeite kontinuierlich, damit mich die Erwartungen nicht auffressen.” Gesprächskreise hingegen, in denen die Gefangenen darüber lamentieren, wie sie von diesem oder jenem Beamten schlecht behandelt wurden, liegen ihm nicht: “Diese Quatschgruppen sind ermüdend.”

Nitsch und Gronke beobachten, dass die Treffen die Teilnehmer persönlich weiterbringen - allein, was die Gesprächskultur angeht. “Die Fähigkeit, schlüssig zu argumentieren ist das Eine”, sagt Gronke, “spannend wird es aber, wenn die Teilnehmer ihre eigene Auffassung zur Disposition stellen.” Schließlich sei es ein Stück sozialer Kompetenz, seine Meinung nicht auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen. Wenn jemand seine Strafe abgesessen hat und draußen wieder Fuß fassen will, werde ihm das nützlich sein, hofft der Akademiker. Und nicht zuletzt dringen Veränderungen zum Guten auch zu denen vor, die über Hafterleichterungen der Gefangenen entscheiden.

Nitsch blickt auf die Uhr. Zum Einschluss Punkt 22 Uhr müssen die Gefangenen auf ihren Zellen sein. Während er und Gronke den Gedankenverlauf des philosophischen Viergänge-Diners von neulich noch einmal zusammenfassen, fällt ihnen auf, dass das Gespräch dort eine ganz andere Wendung genommen hatte als hier im Knast. Die Teilnehmer hatten sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die Welt verändern können. In der JVA Tegel kommen Nitsch die Gespräche konzentrierter vor, weil nicht darüber nachgedacht wird, wie man die Welt, sondern wie man sich selbst verändert. Häftling Peter hat seine Interpretation, warum das so ist: “Wenn dir hier irgendwas nicht passt, wenn zum Beispiel die Frau nicht auf Besuch kommt, kannst du nichts machen. Im Knast musst du dich mit den Dingen abfinden.”

Martin Kaluza

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