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Parameter-Mann

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Uwe Schmidt aka Señor Coconut aka 50 weitere Namen wohnt seit zehn Jahren in Santiago de Chile. Ein Besuch bei dem Meister der Identitäten. (taz 2007)

Das Haus mit Garten liegt in einer ruhigen Seitenstraße im Wohnviertel Providencia, nur ein paar Minuten vom belebten und oft genug verstopften Zentrum entfernt. Es ist für chilenische Verhältnisse alt, die Hochhäuser, die die alten Wohnviertel Santiagos verdrängen, sind bis hierher noch nicht vorgedrungen. Dafür, dass Santiago de Chile eigentlich eine laute und anstrengende Stadt ist, ist es hier ziemlich ruhig. Gleich neben dem Flur liegt ein kleines Empfangszimmer mit Tisch, Antikstühlen und Streifentapete. Hin und wieder dringt der Lärm einer Baumaschine gedämpft in das Zimmer. Hier wohnt Uwe Schmidt.

Noch Mitte der neunziger Jahre führte Uwe Schmidt ein Leben als Techno-DJ und Produzent elektronischer Musik in Frankfurt. Gelangweilt von der Szene und nicht zuletzt auch, um sich den Erwartungen an seine Schublade zu entziehen, zog er vor zehn Jahren hierher. Durch seinen Umzug ist Schmidt als Europäer in Europa zum Exoten geworden. Obwohl er damit gerechnet hatte, dass seine Kontakte abbrechen könnten und trotz der langen Anreise wurde er weiter für Auftritte in Europa gebucht. Unter seinem Pseudonym Señor Coconut veröffentlichte er 2000 ein Album mit Kraftwerk-Stücken im Cha-Cha-Cha-Rhythmus (“El Baile Alemán”), später kamen dann die kunstvollen Latin-Verballhornungen von Pop-Klassikern hinzu - Sades “Smooth Operator”, Deep Purples “Smoke on the Water”. Die Combo vom Plattencover gab es gar nicht, die Songs waren alle am Computer entstanden. Als Señor Coconut dann fast jeden Sommer in Europa auf Tournee ging, hatte er doch eine echte Band dabei – die bestand vor allem aus dänischen Musikern.

Uwe Schmidt wirkt erstaunlich ernst. Nicht dass er unfreundlich wäre, doch hinter Señor Coconut steckt eindeutig kein ausgemachter Spaßvogel. Seine rötlichen Haare hat er zurückgekämmt. Uwe Schmidt macht einen sehr entspannten Eindruck, ohne dabei betont lässig zu wirken. Vielleicht ist das deutsche Verbindlichkeit, die nach Jahren in Südamerika einen relaxten Dreh bekommen hat.

Mit seinem Umzug ist Schmidt einen für Musiker ungewöhnlichen Weg gegangen. „Chilenen können nicht nachvollziehen, warum irgendjemand nach Chile kommt, weil sie automatisch glauben, dass in den USA alles viel besser wäre, in Europa sowieso,“ sagt Schmidt. „Ich werde permanent gefragt, 'was machst du hier?' Und die Antwort ist: 'Ich mache hier eigentlich gar nichts. Ich will hier meine Ruhe haben.'“

Dass Schmidt eigentlich gar nichts macht, ist stark untertrieben. In dem Refugium, das er sich hier geschaffen hat, legt er ein immenses Arbeitspensum hin. Er programmiert Beats, zerschneidet Samples und setzt sie wieder zusammen, spielt Instrumente ein, und das alles offenbar mit akribischer Disziplin. Rechnet man die Aufnahmen aus seiner Frankfurter Zeit hinzu, hat Schmidt über achtzig Alben veröffentlicht – und das unter rund fünfzig verschiedenen Pseudonymen. Señor Coconut und AtomTM sind die bekanntesten.

Uwe Schmidt liebt das Spiel mit Identitäten, mit Klischees und Erwartungen. Manchmal stellt er sich seine Pseudonyme als reale Menschen vor und spricht von ihnen in der dritten Person, so wie ein Schauspieler über seine Rollen spricht. Für das Projekt „The Stereonerds“ erfand er John und Tad, zwei Australier, die aus australischer Perspektive versuchen, Kraftwerk-inspirierte Musik zu machen - ihn reizte die Idee, „diese Verzerrung aufrecht zu erhalten und permanent präsent zu haben.“ Señor Coconut ist klar umrissen als der Entertainer, der Pop in Cha-Cha-Cha verwandelt. AtomTM – früher auch Atom Heart – ist dagegen offener angelegt: Mehrere Platten tragen seinen Namen, und er ist Teil des Projekts Flanger, das aus Schmidt und Burnt Friedman besteht. Außerdem taucht AtomTM als Produzent anderer Schmidtscher Künstler-Alter-Egos auf, zum Beispiel bei Lisa Carbon. Die wiederum ist ein weiteres von Schmidts Pseudonymen. Unter ihrem Namen produzierte er bereits 1992 entspannt swingende Elektromusik mit Bossarhythmen – damals galt das noch als uncool.

Jede Identität sieht Schmidt dabei als Teil einer Leitidee, als einen Parameter unter vielen – etwa wie die Frage, welche Musikstile Verwendung finden oder ob die Produktion Humor hat. „Parameter“ ist ein Wort, das Schmidt häufig benutzt. Andererseits würde er bestreiten, dass Musik allein durch ein gutes Konzept zu guter Musik werde: „Musik funktioniert genau wie ein Bild oder eine Typografie in einem impulsiven, instinktiven Moment.“ Während er das sagt, beginnen seine Augen regelrecht zu flackern.

Die jüngste Veröffentlichung, an der Schmidt mitgewirkt hat, ist das Flanger-Album „Nuclear Jazz“. Unter diesem Titel hat Burnt Friedman gerade die alten Flanger-Alben „Templates“ von 1997 und „Midnight Sounds“ von 1999 auf seinem Label Nonplace wiederveröffentlicht. Die Aufnahmen sind in Santiago entstanden, in Schmidts Studio. Kennengelernt hatten sich Schmidt und Friedman zuvor im Urlaub – in Australien. Beide waren ursprünglich Schlagzeuger, beide hatten mal Philosophie studiert. Sie verstanden sich auf Anhieb. „Er kam dann nach Santiago, und wir haben gesagt: Lass uns versuchen, Musik zu machen, die so und so klingt, wir machen soundso viel Musik pro Tag, das und das ist die Struktur,“ sagt Schmidt. „Wir haben ein paar musikalische und ein paar technische Parameter definiert und haben dann einfach Musik gemacht, nonverbal, für eine Woche. Das ist im Prinzip wie zusammen tanzen. Da redet man ja auch nicht, sondern man kann zusammen tanzen oder man kann es nicht.“ Die Musik, die dabei herauskam, klingt auch nach zehn Jahren noch frisch: Die beiden haben locker und jazzig improvisierte Passagen so organisch mit programmierten Beats, digitalem Knispeln und Latinrhythmen verschachtelt, dass man nie das Gefühl der Wiederholung bekommt.

Uwe Schmidt spielt Rhodes, Bass und Gitarre, wenn er aber live auftritt, ist sein Instrument der Computer. Als Bandmitglied bei Señor Coconut hat er dann die Wirbelsäule der Stücke auf seinem Rechner, und es ist vorher festgelegt, welcher Musiker an welcher Stelle Freiräume hat. Bei Señor Coconut-Konzerten inszeniert er diese Kontrolleursrolle regelrecht. Auf einem Podest in der Mitte der Bühne thront er an seinem Stehpult und hat aus dem Hintergrund die gesamte Band im Blick. „Bei Festivals haben wir manchmal einen schlechten Bühnensound, und ich sehe genau, wer sich nicht hört“ sagt Schmidt. „Wenn dann zwei Leute mit einem Solo-Teil dran sind, dann sehe ich schon so eine Gefahr aufziehen: Bei Minute sieben wird's heikel. Wenn ich merke, das klappt nicht, breche ich die Improvisation einfach ab.“

Nur in Chile tritt Uwe Schmidt sehr selten als Musiker in Erscheinung. „Ich sehe das hier als eine Art Orbit an“, sagt Schmidt. „Ich sitze hier zu Hause und bin auch nicht in der Szene unterwegs – genau wie in Frankfurt eigentlich auch.“ Er beobachtet, wie die Techno- und Elektronik-Szene in Chile mit zehn Jahren Verspätung die gleiche Entwicklung nimmt, die er zuvor schon einmal in Deutschland erlebt hat – den Enthusiasmus einer Art Gründerzeit bis jüngst hinein in die Kommerzialisierung des Party- und Clublebens. Gleichzeitig bekommt er einen anderen Blick auf Deutschland. In Chile könne man sich nicht auf die Position zurückziehen, dass einem Deutschland nicht so wichtig sei, erzählt er. Man werde sofort als jemand von außerhalb erkannt und repräsentiere ganz automatisch sein Heimatland. „Wir haben logischerweise ein Problem damit, uns als Deutsche zu definieren,“ sagt Schmidt. „Die Frage ist, durch was wird das ersetzt? Es ist ein Problem, dass wir als Individuum keine Alternative bekommen haben zur Nationalität.“

Aus dem Nebenzimmer sind hin und wieder Stimmen zu hören, die Haushälterin, ein Kind. Schmidt hat eine neunjährige Tochter. Sie geht auf die Schweizer Schule in Santiago und wächst zweisprachig auf. Hinter einer Milchglasscheibe erahnt man einen hellen, großen Raum. Liegt dort das Studio? Weil alles so akkurat ist, mag man nicht so indiskret sein und nach einer Hausführung fragen.

Für dieses Jahr hat sich Uwe Schmidt vorgenommen, mehr als in den letzten Jahren in Santiago zu arbeiten. Mit Señor Coconut spielt er nur auf einer Handvoll Festivals in Europa, ein weiterer Auftritt ist auf der Frankfurter Buchmesse geplant – Katalonien ist dieses Jahr Gastland, die Einladung kam über die Elektronik-Hochburg Barcelona zustande. Er will sich die Zeit nehmen, um nebenan im Studio an neuen Sachen zu arbeiten, vielleicht ein paar Remixe zu erstellen.

Schmidt sieht durch den Deckel des DAT-Rekorders, dass ein Band mit 95 Minuten eingelegt ist, das fast abgelaufen ist. Sein Auge für Details. Ob ihm das Gespräch zu lange gedauert habe? „Normal,“ sagt er. „Ich hätte dir auch noch eine Cassette verkaufen können.“

Martin Kaluza

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