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Lob des Mittagsschläfchens

Leistungsträger sollten wissen: Am Arbeitsplatz für 5 bis 20 Minuten die Augen zu schließen, steigert die Produktivität. Selbst das Passivnickerchen stärkt die Konzentration (taz 2015)

Ein Kollege verriet mir einmal, warum er freiberuflicher Journalist geworden sei: Er wollte sich einfach nie wieder im Leben einen Wecker stellen. Die Haltung nötigte mir einigen Respekt ab. Der Beruf des Journalisten ist mit wenig Prestige behaftet, und in der freiberuflichen Variante kommt hinzu, dass man (die wenigen Stars der Szene ausgenommen) erschreckend wenig verdient, insbesondere wenn man zu oft für die taz schreibt. Die Freiheit zu schlafen, bis einen Vogelgezwitscher, die Morgensonne oder einfach der eigene Biorhythmus sanft an der Schulter rütteln, erscheint mir seither als angemessene Kompensation für das erlittene Ungemach.

Ich persönlich habe zwar keine Issues mit Weckern. Allerdings lege ich mich ganz gern nach dem Mittagsessen für ein Viertelstündchen hin, um – so drückte mein Großvater es aus – ein wenig die Augen zu schonen. Die Selbstausbeutung fällt gleich viel leichter, wenn man weiß, dass man ihr jederzeit für ein paar Minuten entfliehen kann.

Zu diesem Zwecke steht in meinem Büro eine Liege. Weil die Kollegin, mit der ich das Büro teile, ein Auge für Einrichtungsfragen besitzt und generell auf ästhetische Details Wert legt, haben wir uns das Ding bauen lassen. Ein venezolanischer Designer, mit dem sie befreundet ist, hat aus rohen, zwei Finger dicken Massivholzbrettern eine Liege zusammengezimmert, schick in Weiß gewachst und viel geflucht, als er das sargschwere Ding durch die Bürotür wuchtete. Gesunder Schlaf braucht ein solides Fundament.

Ich kann mir als Selbstständiger eingestehen, was in Unternehmen nur Häme hervorrufen würde. Gerade in stressigen Phasen, wenn ein größeres Projekt dem Ende entgegen geht, wenn die Deadline drückt und das Licht im Büro viel länger an bleibt als geplant, dann weiß ich: Nur mit Kaffee und Zähne zusammenbeißen komme ich hier nicht weiter. Die Konzentration lässt nach, Fehler häufen sich. Es gibt zwei wirksame Methoden, sich aus solchen Löchern herauszuwinden: Man macht einen kleinen Spaziergang. Oder man legt sich kurz hin. Beides ist in Unternehmen ungern gesehen. Der Chef und die gestressten Kollegen sehen nur zu oft im Spaziergang eine Entfernung vom Arbeitsplatz und im Nickerchen eine Unterbrechung der Arbeit – aber nicht die geistige Frische, mit der man hinterher die Aufgaben vom Tisch schafft.

Die Vorteile des Mittagsschlafes sind schon lange wissenschaftlich belegt. Die Schlafforscherin Sara Mednick nennt eine ihrer Studien recht euphorisch: „A Nap is as Good as a Night“ – Ein Nickerchen ist so viel wert wie eine Nacht. Sie zitiert eine Forschungsarbeit der Nasa, der zufolge ein Nickerchen die Aufmerksamkeit um 100 Prozent erhöhe. Außerdem verbessere der Mittagsschlaf die motorische Koordination, baue Stress ab, beuge Herzinfarkten wie Schlaganfällen vor, bewahre ein jugendliches Aussehen, hebe allgemein die Stimmung und verbessere das Liebesleben. Das ist gelebte Burn-out-Prophylaxe.

Gründe für das Schläfchen am Arbeitsplatz sind überall anschlussfähig: in der modernen Verwertungslogik von Produktivitätssteigerung und Arbeitspsychologie, bei Medizinern und Gesundheitsberatern, in der Eso-Ecke, bei den Aufmerksamkeitsleuten – you name it!

Damit das Nickerchen all seine positiven Effekte entfalten kann, muss man eigentlich nur die Augen zumachen. Es ist aber nützlich, ein paar Eckpunkte zu beachten: Die beste Zeit ist zwischen 13 und 15 Uhr, denn in dieser Phase des Tages ereilt die meisten Menschen ohnehin ein Leistungsloch. Das kurze Nickerchen – auch „Power-Nap“ genannt – dauert zwischen 5 und 20 Minuten. Wer dann wieder an die Arbeit springt, wird mit erhöhter Aufmerksamkeit und geschmeidiger Motorik belohnt. Der klassische Mittagsschlaf von rund 30 Minuten bewirkt noch ein wenig mehr: Die Zeit reicht meist, um die Tiefschlafphase zu erreichen. Das fördert die geistige Erholung und steigert die mentale Leistungsfähigkeit. Allerdings kann es sein, dass man sich erst einmal ein wenig berappeln muss.

Im vergangenen Jahr habe ich zudem eine Beobachtung gemacht, die meines Wissens von der Forschung noch nicht näher untersucht wurde: Wenn man am Schreibtisch sitzt und über Texten grübelt, recherchiert oder Sachverhalte zu verstehen versucht, übt die Anwesenheit einer besuchsweise im Büro schlafenden schwangeren Kollegin eine deutlich entspannende Wirkung aus. Nickerchen entspannen also nicht nur die Person, die schläft! Den vielen Studien über die positiven Auswirkungen des Mittagsschlafes möchte ich deshalb ein Lob des Passivnickerchens hinzufügen!

 

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