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Lebenslänglich im Palast

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Die Karl-Marx-Allee, ehemals Stalinallee, ist das längste Baudenkmal Deutschlands. Wer einst in die Arbeiterpaläste einzog, hatte es geschafft. Und wollte nie mehr fort. Jetzt aber ziehen auch junge Mieter ein - für sie ist die Straße schrill wie ein Kronleuchter. (zitty 2000)

Frankfurter Tor

Ein Gerücht wie ein Lauffeuer: Am Strausberger Platz ist eine Wohnung frei, und jeder will sie haben. Da ist Taktik gefragt. Soll man noch schnell in die Partei eintreten? Einerseits hätte man dann den kürzesten Weg, andererseits wird man für Fehler doppelt bestraft. Und zum Beweis, dass es ihnen ernst ist mit dem Sozialismus, setzen Genossen auch noch eine Runde aus. Ein Scheißspiel. Aber eins auf Ehre und Gewissen - so verspricht es der Pappkarton.

Die Spieler werden in das Berlin der Fünfzigerjahre versetzt, in die gerade fertiggestellte Stalinallee mit ihren 3.000 Wohnungen, die die DDR-Regierung zwischen 1952 und 1957 mitten in ein Trümmerfeld namens Friedrichshain setzen ließ. Die Straße, von den einen als "Zuckerbäckerbauten" verschmäht, von den anderen als "letzte große Straße Europas" gewürdigt, ist mit 2,3 Kilometern das längste Baudenkmal Deutschlands. Damals wie heute sind die praktisch geschnittenen Zwei- und Dreiraum-Wohnungen heiß begehrt. Aufzug, Zentralheizung und früher sogar Müllschlucker - so großzügig hat die DDR nie mehr gebaut.

Das Brettspiel Stalinallee hat sich Erich Kundel ausgedacht. Er vertreibt es im Selbstverlag. Seit 1993 ist der promovierte Historiker Geschäftsmann auf der Allee: Mit der Karl-Marx-Buchhandlung übernahm er einen Laden, der seit 1953 am selben Ort besteht. Geändert hat sich allein der Straßenname. Aus der Stalinallee wurde 1961 die Karl-Marx-Allee. Seine Buchhandlung nutzt Kundel, um Werbung für die Straße zu machen - und DDR-Geschichte an den Mann zu bringen.

Demnächst will Kundel mit dem Förderverein Karl-Marx-Allee ein paar Türen weiter eine Anlaufstelle für Touristen eröffnen. "Bisher fahren viele einfach im Bus an den Bauten vorbei", erklärt Kundel. "In dem Besucherzentrum können sie dann aber auch Kaffee trinken und an Führungen über die Allee teilnehmen." Bei den gegenwärtigen Sanierungsarbeiten hat sich der Verein außerdem einen Container voller Kacheln gesichert, die sonst im Bauschutt gelandet wären: original Meißner Kacheln, mit denen die Fassaden der Allee bis zur Sanierung verkleidet waren. Jetzt sollen sie mit Echtheitszertifikat als Andenken verkauft werden. Ein Stück Geschichte, denn heute ist nur noch die Keramik am Frankfurter Tor echt Meißen.

Auch wenn die Allee 1993 von der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain praktisch am Stück an die DePfa-Immobilienmanagement AG, die Tochter einer Wiesbadener Bank, verkauft wurde und die Erinnerung an die DDR langsam verblasst - die klotzigen Prachtbauten sträuben sich irgendwie noch dagegen, jetzt zum schnellen, trendigen Nachwende-Berlin zu gehören: Was immer die Neue Mitte sein mag, sie ist hier noch nicht angekommen, und die Friedrichshainer Szene bekommt auf der Allee entweder keinen Fuß in die Tür, oder sie verliert sich schlicht. Ein kuschliges Kollwitzplatz-Feeling sucht man hier vergebens.

Die meisten Bewohner der früheren Stalinallee sind im Rentenalter, fast zwei Drittel sollen zur ersten Mietergeneration gehören. Doch ein Wechsel zeichnet sich inzwischen ab. Eine Hand voll junger Architekten, Designer und Künstler sind schon da. Wer heute in eine der wenigen freien Wohnungen einzieht, im Schnitt 1.300 Mark warm, findet sich zwischen Nachbarn wieder, die bis zum Schluss von der DDR überzeugt waren. Und ihre Wohnungen, die die meisten Mieter in Feierabendschichten aus Trümmerziegeln mit aufgebaut haben, geben ihnen irgendwie recht.

Thomas Michael Krüger ist seit 1994 Mieter ganz oben im Nordturm des Frankfurter Tores. Als der Architekt, der aus dem Ruhrgebiet stammt, seine jetzige Wohnung zum ersten Mal sah, war die Sache binnen Sekunden entschieden. Viereinhalb Zimmer, ein Blick in alle Himmelsrichtungen, und aus dem Fensterbrett liegt das Fernglas bereit. "Manchmal", sagt der Architekt, "kommt mir die Allee vor wie ein Raumschiff, das mitten in Friedrichshain gelandet ist und gar keine Anbindung an den Stadtteil hat." Früher haben die alten Leute auf dem Dach zwei Stockwerke unter seiner Küche ihre Hunde Gassi geführt. Bodenkontakt war dazu nicht nötig.

Und obwohl die alten Bewohner von der sagenumwobenen Gemeinschaft erzählen, die es hier früher gab, mit einem richtigen Kiez lässt sich die nicht vergleichen. Einmal wollte Krüger für jemanden den Wohnungsschlüssel hinterlegen und musste erst durch drei, vier Geschäfte laufen, bis jemand dazu bereit war. Und als er eine Zeitlang eine Untermieterin aus Ruanda hatte, alarmierten misstrauische Nachbarn die Polizei, ohne vorher einmal ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Sie hatten in der jungen Mutter mit zwei Kindern im Vorschulalter die "afrikanische Mafia" vermutet.

Ab und an wird der Architekt zum Stadtführer. Während er mit seinen Zuhörern um die Arbeiterpaläste zieht, steuern regelmäßig pensionierte Anwohner auf die Gruppe zu und mischen sich ein. Dann geht es um die DDR. Solange sich jemand an ihren Bau erinnert, wird die Allee Zündstoff bieten: Während die einen stolz auf die Aufbauleistung sind, ist sie anderen das Symbol für einen Staat, der ihnen zuwider war. Und wer mit dem 17. Juni anfängt, sticht in ein Wespennest.  Hier auf der Stalinallee begannen Arbeiter aus Ärger über Normerhöhungen am Vortag des 17. Juni jene Demonstrationen, die im Westen als Volksaufstand gedeutet wurden. "Der Nachholbedarf an Diskussion ist groß. Und einige Leute scheinen das Gefühl zu haben, sie müssten sich verantworten", so Krüger. Vorsichtshalber warnt er die Teilnehmer der Tour schon zu Beginn.

Dabei hat sich die Wahrnehmung der Straße in den Jahren seit der Wende gewandelt. "Heute hat sie nicht mehr den politischen Ballast. Junge Leute nehmen die Ornamentik als etwas Schrilles an", hat Krüger festgestellt. Es sei ein bisschen wie mit Kronleuchtern: Als Relikt haben sie durchaus ihre Berechtigung. Der Sozialismus geht, die Stalinallee bleibt.

Im Juli 1994 erhielt sie so etwas wie den Ritterschlag, als die Geschäftsstelle der Architektenkammer Berlin in Block C-Süd neben der Karl-Marx-Buchhandlung einzog. Cornelius Hertling, Präsident der Kammer, dem als Student in den Fünfzigerjahren noch eingeschärft worden war, die Allee sei "der Teufel, der Beelzebub der Architektur", erkennt in ihr heute einen "Moment der Utopie". Man müsse sehen, was Henselmann, der eigentlich viel moderner bauen wollte, in der ihm aufgezwungenen Sprache entworfen habe: "Nicht nur menschenwürdige Wohnungen, sondern einen Palast für das Volk, den man gar nicht mit den Löchern des sozialen Wohnungsbaus im Westen vergleichen mag."

Die Stalinallee, die heute bewundert wird, hätte, wäre es nach dem Willen der Architekten gegangen, eigentlich ganz anders aussehen sollen. Allen voran Hermann Henselmann und Richard Paulick, die prominentesten der sechs beteiligten Architekten, waren moderne Geister in der Tradition des Bauhaus und mussten sich für die Planungen arg verbiegen.

Noch Ende der Vierziger waren die ganz schnörkellos-quadratischen Laubenganghäuser - wie sie heute zum Beispiel dem Kino Kosmos gegenüber stehen - errichtet worden. Walter Ulbricht kanzelte sie als "amerikanische Eierkisten" ab und ließ sie hinter Pappeln verstecken. Der Ministerrat verlangte stattdessen nach einer Herrschaftsarchitektur zwischen Städtebau der Sowjetunion und deutschen Klassizismus: eingefasste Fenster, Rosetten, schwere Dachgesimse, dorische, ionische und korinthische Säulenanordnungen, Giebelchen und Pilaster - praktisch über Nacht hatten die Architekten eine neue Formensprache zu lernen. Henselmann selbst soll kurz vor seinem Tod noch gesagt haben, er fände die Allee "beschissen", und im Westen wurde die Straße verhöhnt: Die Architektur, die eigentlich in die Zukunft weisen sollte, bediente sich im Stilrepertoir des 19. Jahrhunderts. Als Antwort klotze der Westen das Hansaviertel in den Tiergarten.

Alleebewohner Andre Asriel, Komponist und früher Professor an der Musik-Hochschule "Hanns Eisler", erinnert sich an die Zeit des Aufbaus: "Die DDR war damals ein großes Abenteuer, von dem niemand wusste, wo es hinging." Asriel, aufgewachsen in Wien und 1938 vor den Nazis in England in Sicherheit gebracht, kam aus dem Exil gleich nach Berlin und komponierte in der Aufbruchstimmung Anfang der Fünfziger Lieder für die FDJ, später Filmmusiken für die DEFA. Lange nach der Wende wurden Orgelwerke Asriels neben denen Bachs im Berliner Dom aufgeführt. Die Begeisterung für den Jazz, die er als junger Musiker aus England mitgebracht hatte, stieß in der DDR hingegen nicht einmal bei seinem Lehrmeister Hanns Eisler auf Gegenliebe. Trotzdem veröffentlichte Asriel ein Jazz-Buch, das auch außerhalb der DDR zum Standardwerk wurde, und durfte hin und wieder in den Westen reisen, um sich im Quasimodo US-Bands anzusehen. Auf dem Rückweg schmuggelte er West-Zeitschriften.

1957 waren Asriel und seine Frau Katja ins Frankfurter Tor eingezogen und lebten 35 Jahre in der Wohnung, in der jetzt Architekt Krüger wohnt. Vor acht Jahren zogen sie in eine Dreizimmer-Wohnung im Nebenblock um, weil die Miete der viereinhalb Zimmer im Turm für sie zu teuer wurde und die rotte Heizung kaum noch in Gang kam. Aber weg aus der Allee? Gerade jetzt werde es wieder interessant: Katja Asriel freut sich darauf, dass mit den neuen Mietern endlich der "Ärger mit den Kindern wieder anfängt." Viel zu lange hätten die zeternden Nachbarn ihre Ruhe gehabt.

Andre Asriel setzt ein spitzbübischen Blick auf und klopft seine Pfeife aus: "Manchmal mache ich mir den Spaß, West-Berlin zu erkunden." Dann ist es wieder fast wie früher, wie eine Fahrt ins Ausland. Neulich hat er sich die Abgeordneten-Wohnschlange auf dem Moabiter Werder angeguckt. "Das war erschreckend. Die Leute, die uns doch Farbe bringen wollten, bauen etwas in Rostbraun, das an ein Gefängnis erinnert!" Der Komponist guckt unter seiner Sonnenkappe hervor, die Pfeife neu gestopft, und holt noch einmal aus: "Dagegen war die Stalinallee ein Fest des Lebens."

Text und Foto: Martin Kaluza

 

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