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"Ja. Nein. Ich weiß."

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Johnny Winter gibt sich im Interview wortkarg. (tools 4 music 2007)

Johnny Winter war mehr als einmal weg vom Fenster. Eines seiner bekanntesten Alben heißt „Still Alive and Well“. Bezeichnenderweise erschien es schon 1973. Damals hatte der Texaner, der als Weißer dem Blues neues Leben einhauchte, einen größeren Drogenabsturz hinter sich. Phasen, in denen es gut lief, wechselten sich seither mit Durststrecken ab, in denen der Durst oft genug Überhand nahm. Wenn es hingegen lief, war Winter ein Guitar Hero, der über ein enzyklopädisches Repertoir von Blueslicks verfügte und dazu seinen rauen Gesang beisteuerte.

Winter erarbeitete sich in seiner Heimatstadt Beaumont bereits als Teenager den Ruf, ein Ausnahmegitarrist zu sein. Seinen Durchbruch erlebt Winter, als im Rolling Stone ein Artikel über die texanische Musikszene erscheint. Winter hatte mit dem Bassisten Tommy Shannon und dem Drummer John Turner auf einem lokalen Label eine Platte veröffentlicht, die den Reportern in die Hände gefallen war. Sie schrieben: „Stellen Sie sich einen 130 Pfund schweren, schielenden Albino-Bluesmann mit langem, flockigem Haar vor, der eine der rasantesten Blues-Gitarren spielt, die Sie je gehört haben.“ Der Artikel verhalf Winter zu einem Plattenvertrag bei Columbia Records. 1968 erschien sein Debutalbum, und im Jahr darauf er trat auf dem Woodstock-Festival auf, von dem er später hartnäckig behaupten sollte, es sei ein Festivalgig wie jeder andere gewesen. In den siebziger Jahren, nach dem überstandenen Zusammenbruch, verhalf er der Blues-Legende Muddy Waters zu einem Comeback, indem er für ihn vier Alben produzierte, auf denen er auch Gitarre spielte.

Ende der neunziger Jahre sah es wieder weniger gut aus: Johnny Winter erreichte die Bühne bisweilen nur mit fremder Hilfe, James Montgomery wurde angeheuert, um die Gesangsparts zu übernehmen, und hin und wieder musste Winter die Konzerte komplett absagen. Zudem war er pleite. „Das alles können Sie jetzt vergessen“, sagt Paul Nelson, seit einigen Jahren Winters rechte Hand. „Johnny ist nicht nur zurück, er ist auch in großartiger Form. Gesundheitlich geht es ihm so gut wie schon lange nicht mehr.“

Paul Nelson ist Winters Manager, aber er ist auch Gitarrist und hat drei der Songs für Winters Album „I‘m a Bluesman“ geschrieben. Auf Tour ist Nelson in Doppelfunktion dabei und steht jeden Abend für ein paar Stücke mit auf der Bühne. Winter und Nelson kennen sich seit 2000. Dafür, dass es Winter damals so schlecht ging, macht Nelson den früheren Manager Teddy Slatus verantwortlich, der inzwischen, nur wenige Monate nachdem Winter ihn gefeuert hatte, verstorben ist. Seit Nelson sich geschäftlich und persönlich um Winter kümmert, scheint es mit der Bluesrocklegende tatsächlich wieder bergauf zu gehen.

Von unterwegs organisiert Nelson die Interviewtermine für die Tour, die Winter im Mai 2007 auch nach Deutschland führt. Nelson erklärt, dass er und Johnny inzwischen eine ganz gute Arbeitsweise für die Telefoninterviews gefunden haben: „Ich rufe dich von unterwegs aus an. Man kann Interviews mit Johnny nicht so gut im voraus planen. Am besten, man wartet im Bus einen ruhigen Moment ab, drückt ihm das Telefon in die Hand und sagt: ‚Wir machen ein Interview. Jetzt.‘“

Und so sollte es dann auch sein: Paul Nelson ruft an einem Freitagabend vom Bus aus an. Die Band ist auf dem Weg zum nächsten Gig im Bull Run Restaurant in Shirley. „Ok“, ruft Paul, „hier sind wir, ich gebe dich gleich weiter.“ Im Hintergrund ist seine Stimme noch einmal leise zu hören: „Wir machen ein Interview. Er heißt Martin.“


Mr. Winter, wo erreiche ich Sie gerade?

Wir sind im Bus unterwegs und stecken im Schneesturm.

Stecken Sie etwa fest?

Nein, wir fahren.

Ich würde gern anlässlich der Deutschland-Tour mit Ihnen reden, die vor Ihnen liegt.

Sehr gerne. Machen wir‘s kurz.

Als Sie begannen Musik zu machen, welche Rolle spielte der Blues in der US-amerikanischen Kultur?

Er war ein großer Teil davon.
(Längere Pause. Sagt er noch etwas? Nein.)

Sind Sie noch dran?

Ja, sicher.
(Die Frage war wohl zu allgemein. Ich muss es konkreter versuchen.)

Heute hat der Blues ein Publikum, dass durch alle gesellschaftlichen Schichten geht. Würden Sie sagen, der Blues war damals ähnlich verbreitet wie heute?

Ich würde sagen, er war sogar noch weiter verbreitet.

Damals gab es zwei große Blues-Lager: auf der einen Seite die schwarzen Musiker in den USA und auf der anderen eine Reihe weißer Bands und Gitarristen aus Großbritannien. Sie haben als Weißer in den USA Blues gespielt – saßen Sie damit zwischen den Stühlen?

(Keine Antwort.)

Haben Sie das damals als zwei unterschiedliche Blues-Szenen wahrgenommen?

Es war einfach eine große Crowd.
(Über den Blues im Allgemeinen mag Winter offenbar nichts sagen. Am besten, man fragt in so einem Fall nach einem konkreten Erlebnis. Da gab es etwas!)

Sie haben als 17-jähriger B.B.King dazu gebracht, dass er Sie auf seine Bühne lässt und Ihnen auch noch seine Gitarre gibt. Wie haben sie das geschafft?

Oh, ich habe ihn einfach überredet.
(Winter lacht. Schlecht gelaunt ist er nicht.)

Moment – das klingt jetzt sehr einfach. Normalerweise würde man doch denken, dass es schwierig ist, überhaupt zu B.B.King durchzukommen.

Ja, ich weiß.

Wie war denn die Situation damals?

Er fragte mich nach meiner Gewerkschaftskarte... (Anm.: Eine Art Arbeitserlaubnis, die man als Musiker brauchte, um in den Clubs spielen zu dürfen). Ich hatte eine und zeigte sie ihm. Er sagte, manchmal würde man ihn als Schwarzen nicht in einen weißen Club lassen. Und er wollte nicht, dass ich den Eindruck habe, man würde mich nicht in einem schwarzen Club spielen lassen, nur weil ich weiß bin.

Und wie haben Sie ihn dann auch noch dazu gebracht, dass er Ihnen seine Gitarre gibt? Kein Gitarrist lässt Fremde gern auf seinem Instrument spielen.

Ich weiß nicht. Er hat sich einfach entschieden, mich spielen zu lassen. Es war ein sehr schöner Abend, ich habe ihn wirklich genossen.
(Das ist vielleicht zu lange her. Besser nach etwas aus den Siebzigern fragen.)

Sie haben 1977 das Comeback-Album Ihres Vorbildes Muddy Waters produziert und auch selbst dort Gitarre gespielt - „Hard Again“.

Yeah.

Wie kam die Zusammenarbeit damals zustande?

Sein Manager rief meinen Manager an.
(Winters Stimme ist präzise und freundlich. Er macht nicht den Eindruck, als sei er ungeduldig.)

Es gibt Leute, die halten das für das beste Album, das Muddy Waters je aufgenommen hat.

Das ist schön. Mich freut das.
 
Muddy Waters soll Sie einmal seinen Adoptivsohn genannt haben. Wie war Ihr persönliches Verhältnis?

Sehr nah.

Wann haben Sie ihn kennen gelernt?

Muddy hatte in Austin/Texas in der Gas Company gearbeitet, einem Club. Das war 1968.
(In der Leitung ist es still. Nicht einmal ein Rauschen. Womöglich ist der Bus in ein Funkloch gefahren.)

Sie haben in Ihrer Musik zum Blues auch ein gutes Stück Rock hinzugefügt. Wie wurde das damals von Ihren eigenen Vorbildern wie Muddy Waters oder B.B. King aufgenommen?

Ich weiß es nicht.

War denen das nicht zu wild?

Nein, so etwas haben sie nie gesagt.

Dann sind die wirklich großen Bluesmusiker keine Puristen?

Ich bin sicher, dass sie das nicht waren.

Das klingt, als seien Musiker manchmal offener für Neues als das Publikum selbst?

Das ist ganz bestimmt so.
(Im Hintergrund sind kurze Gesprächsfetzen zu hören. Vielleicht läuft der Fernseher.)

Da wir gerade bei den Puristen sind: Sie spielen heute meistens eine kopf- und korpuslose Gitarre...

... genau, meine Lazer.

Das sieht für einen Bluesman auf den ersten Blick ganz ungewöhnlich aus – die meisten spielen ihre Fender oder Gibson, und je älter desto besser. Wie kamen Sie zu Ihrer Gitarre?

Sie hat mir einfach sehr gefallen.

Sie haben sie im Laden gesehen und dann einfach ausprobiert?

Yeah.

Jetzt auf Tour sind Sie nicht allein unterwegs, sondern mit ihrem Bruder Edgar, Rick Derringer und ihren Bands.

Ich spiele nur mit meiner eigenen Band. Wir spielen nacheinander.

Ein tolles Lineup. Hatten Sie schon länger vor, mit Ihrem Bruder und Rick Derringer auf Tour zu gehen?

Ich glaube, es war eine Idee des Veranstalters.
(Mir gehen die Fragen aus. So schnell wie Winter antwortet, kann man sich spontan keine neuen ausdenken. Also die letzte Karte spielen – wenn er jetzt nicht ins Plaudern kommt, wird es nichts mehr.)

Paul Nelson spielt in Ihrer Band Gitarre, aber er ist auch Ihr Manager. Wie ist es, den eigenen Manager in der Band zu haben?

Es ist in Ordnung. Er spielt immer nur bei ein paar Stücken mit. Ich spiele meistens im Trio.

Mr. Winter, vielen Dank und alles Gute für die Tour!

Yeah, danke.



So weit, so gut. Nach dem Gespräch zweifelte ich nicht ganz grundlos an meinen Fähigkeiten als Interviewer und überschlug Punkt für Punkt, an welchen Stellen ich besser hätte vorbereitet sein können. Ein wenig legte sich meine Aufregung, als ich beim Lesen des Konkurrenzmagazins feststellen durfte, dass deren Reporter noch viel weniger aus Johnny Winter herausbekommen hatte.

Ein paar Wochen nach dem Telefongespräch spielten die drei erwähnten Bands in Berlin. Ich ging mit einem befreundeten Bassisten und Blues-Kenner zum Konzert. Auf der Bühne machte Winter körperlich einen recht wackeligen Eindruck. Während er im Sitzen spielte, stand sein hünenhafter Bassist neben ihm und blickte gezwungenermaßen auf seinen Chef hinab, was Winter noch schmächtiger erscheinen ließ. Allerdings hatte der seine Gitarre gut im Griff und sang dazu mit unerwartet kräftiger Stimme. Hatte der Blues am Ende doch wieder einmal seine heilenden Kräfte unter Beweis gestellt?

Als ich nach der Show Paul Nelson eine Ausgabe des Magazins in die Hand drückte, in dem das Interview erschienen war, fragte er mich: „You wanna meet Johnny?“ Da ich ihn bislang nur vom Telefon kannte, war ich sofort dabei – auch mein Begleiter. Johnny Winter saß in einem Wohnmobil, das neben der Halle geparkt war. Nach und nach wurde eine handvoll Besucher in das enge Gefährt geschleust, um ihre Autogrammwünsche anzubringen. Winter hockte am Tischchen und unterschrieb, ohne den Blick einmal zu heben, einige Karten. Unseren kurzen Gruß erwiderte er ein wenig fahrig und drückte uns dann Autogramme in die Hand.

Mit uns war ein Mann eingestiegen, der vielleicht Mitte vierzig war und zwei Gitarren dabei hatte. Es waren Gibson Firebirds, das Modell, das Winter früher einmal gespielt hatte. Er legte die erste auf den Tisch. Winter signierte sie, als sei es eine weitere Autogrammkarte. Dann legte der Gast die zweite Gitarre hin, mit dem Hinweis, diese gehöre seinem Chef. Winter setze den Stift an, stutze, blickte kurz auf und fragte: „Is that the same guitar?“ Es war der einzige Satz, den er während dieser Begegnung sagte.

Text und Interview: Martin Kaluza

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