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In weiter Ferne so nah

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Am Ausverkauf des argentinischen Fußballs können die Fans nichts ändern. Wenn die Stars nach Europa gehen, haben auch die Anhänger einen neuen Verein. (Die Welt 2002)

Banderin

Mario Riesco hat ein ganz ungutes Gefühl. "Der argentinische Fußball steht vor dem Ende", sagt er und setzt sich an einen der Tische in seinem Eck-Café "El Banderín". Seit Jahren ist es immer dasselbe: Kaum kickt ein Spieler ein paar Wochen in Folge passabel, steht sein Name doppelt unterstrichen in den Notizblocks europäischer Spielerbeobachter. Und dann hält es ihn auch nicht mehr lange. "Natürlich werden nicht alle Spieler gehen", sagt Riesco, "aber ich fürchte, dass das Niveau bei den großen Vereinen den Bach runtergeht."

Riesco hat sich auf seine Visitenkarten drucken lassen, dass er Fan von River Plate ist. Der amtierende argentinische Meister ist einer der Hauptexporteure für große Fußballtalente. Zuletzt verließ Mittelfeldspieler Cristian Ledesma den Verein, um in der neuen Bundesligasaison für den HSV spielen. Bei River hat Ledesma, den die argentinischen Fans "El Lobo" ("der Wolf") nennen, hinter dem Nationalspieler und Dribbelkönig Ariel Ortega die Fäden des Spiels zusammengehalten. Auch Ortega geht - ihn zieht es zu Fenerbahce nach Istanbul.

Riescos kleines Café liegt im Abasto-Viertel von Buenos Aires, dem inzwischen etwas angestoßenen Arbeiterstadtteil, in dessen Cantinas vor rund achtzig Jahren die Karriere der Tango-Legende Carlos Gardel begann. Die Wände des Cafés sind mit Fußballwimpeln aus aller Welt vollgehängt. Einige von ihnen zerbröseln, wenn man sie anfasst. Gardel lächelt sein gewinnendes Lächeln von der Wand herab. Während der Saison läuft in der Ecke ohne Ton die europäische Champions League auf dem Kabelkanal ESPN. Vor der Tür dröhnen Busse durch die kleine Straße.

Riesco leidet wie die meisten 36 Millionen Argentinier unter der Wirtschaftskrise, die die Arbeitslosigkeit auf 14 Prozent getrieben hat und große Teile der Mittelschicht an den Rand der Armut gleiten ließ. Die Krise hat das Nationalgefühl nicht gerade gefördert, den Glauben an die Politiker und die Justiz hat sie erschüttert. Viele Bewohner des einstigen Einwandererlandes träumen davon, ihr Glück im Ausland zu machen, in Italien oder Spanien. Der Andrang an der italienischen Botschaft wurde Anfang des Jahres so groß, dass dort mittlerweile Wartenummern verlost werden. Nur für einen ersten Gesprächstermin.

Wenn sich Fußballprofis den Traum vom Leben in Europa erfüllen, nehmen ihnen die Fans das kaum krumm. "In Europa werden sie viel besser behandelt als hier: Sie werden besser bezahlt, und das Geld kommt auch regelmäßig. Für einen Familienvater, der seine Miete zahlen muss, ist das das Wichtigste," sagt Juan Francisco Smigiel und schaut in den Rückspiegel. Smigiel ist Taxifahrer. Sein Sohn ist Fußballprofi und spielt als  Verteidiger beim Zweitligisten Instituto de Córdoba. Vor vier Jahren hat der Junge sogar einmal bei einem Moskauer Klub vorgespielt, aber der wollte ihn dann doch nicht haben. "Ich habe auch schon überlegt, ob ich nicht versuchen soll, einen polnischen Pass für ihn zu bekommen", sagt Smigiel. Seine Familie ist vor Generationen aus Polen nach Argentinien gekommen. Und mit dem Pass, sagt der Vater, würde der Sohn in UEFA-Ländern als Fußball-Inländer gelten.

Argentiniens Fußballer sind zu einem erfolgreichen Exportartikel geworden. Rund 100 Profis verlassen das Land jedes Jahr Richtung Europa. In der vergangenen Saison haben sie geschätzte 250 Millionen Dollar an  Ablösesummen ins Land gebracht. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 exportierte Argentinien für 211 Millionen Dollar Rindfleisch.

Hochverschuldete Klubs wie Boca Juniors und River Plate profitieren dabei von der Abwertung des Peso. Während sie ihre Spielerverkäufe ins Ausland in teuren Dollar abwickeln, bezahlen sie die Gehälter der daheim  gebliebenen in Pesos. Je tiefer der Kurs fällt, desto weiter kommen sie mit den Dollars aus dem Ausverkauf - jedenfalls mit dem Teil, der nicht unterwegs verloren geht.

Die Profi-Vereine haben Glück, die Talente scheinen ihnen nicht auszugehen. Javier Saviola war gerade einmal 19 Jahre alt, als er im vergangenen Jahr für 26 Millionen Dollar von River Plate zum FC Barcelona wechselte. Obwohl er noch so aussieht, als würde er sich den Milchbart morgens mit einem trockenen Brötchen abrubbeln, ist er inzwischen Stammspieler an der Seite von Patrick Kluivert und Rivaldo. Pablo Aimar wurde mit 20 nach Valencia verkauft und ist dort aus dem Kader nicht mehr wegzudenken. Gabriel Batistuta war 22 Jahre alt, als er vor elf Jahren von Boca Juniors nach Florenz ging.

Der Spielerberater Ricardo Schlieper hat eine ganz nüchterne Erklärung für das Phänomen: "Die Fußballer, die verkauft werden, müssen ersetzt werden. Aber die Vereine haben nicht das Geld, Spieler aus dem Ausland zu verpflichten. Deshalb müssen sie die aus ihrer eigenen Jugend holen. So ein Spieler hat dann ein frühes Debüt und kann mit 20 Jahren schon 80 Spiele in der Ersten Liga hinter sich haben." Der Neu-Hamburger Ledesma hat es in den vergangenen zweieinhalb Jahren auf 64 gebracht.

Viel Zeit haben die argentinischen Fans nicht, sich an ihre Helden zu gewöhnen. Doch der Begeisterung tut das keinen Abbruch. Jorge Boladeres ist Fan des ewigen River-Konkurrenten Boca Juniors, bei dem auch Rodolfo Cardoso schon gespielt hat. Er sagt: "Natürlich ist es schade, wenn die besten Spieler nach Europa abwandern. Aber wir werden dann eben zum Fan von dem Team, wo der Spieler hingeht. Wenn er zu Rom geht, wie Batistuta, werden wir auch Rom-Fans. Genauso wie wir Neapel-Fans waren, als Maradona nach Neapel gegangen ist."

Batistutas Spiele zu verfolgen, ist kein Problem. Wenn ein Argentinier auf dem Platz steht, werden die Partien der spanischen, englischen und italienischen Klubs im Kabelfernsehen gezeigt. Aus der Begegnung "Barcelona - Valencia" wird dann "Saviola - Aimar".

Bundesliga-Begegnungen gab es bislang zwar kaum zu sehen, doch die Zahl der Argentinier im deutschen Fußball steigt. Mit Cristian Ledesma vom amtierenden Meister River Plate und Bernardo Romeo vom Meister des Vorjahres San Lorenzo spielen gleich zwei Stars für den HSV, die den Fans noch in frischer Erinnerung sind. Und so steigt in Mario Riescos Eckcafé "El Bandrín" die Vorfreude auf die Partie "Ledesma – Placente”. Ein Wimpel des HSV hing dort schon vor Ledesmas Transfer an der Wand.

Martin Kaluza

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