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Von Gitarren und Immobilien

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Seine Single „Let’s Go Trippin’“ von 1961 gilt als die Geburtsstunde der Surf-Musik, für ihn spielten Buddy Holly und die Rolling Stones als Vorband und Quentin Tarantino bescherte ihm ein Comeback erster Kajüte: Dick Dale, King of the Surf Guitar (grand guitars 2006)

Ich telefonierte mit dem damals 69-Jährigen während der Vorbereitungen zu seiner Europa-Tour im Herbst 2006.

Hallo, wie sieht’s aus, haben Sie ein bisschen Zeit?

Ich nehme mir die Zeit, aber ich habe eigentlich keine. Ich kriege jeden Tag 187 Anrufe, beantworte 500 Emails, wir stecken mitten in der Tourvorbereitung, und dann habe ich ja hier noch meinen privaten Flugplatz, wo ich mich um die Flugzeuge kümmern muss, die hereinkommen. Es ist eigentlich egal, was ich mache – ich muss dafür immer etwas anderes unterbrechen.

Sie treten in letzter Zeit oft mit Ihrem 14jährigen Sohn auf.

Jimmy ist schon eine Weile bei den wichtigsten Konzerten dabei. Er hat schon mit Les Paul und mit Bono gespielt. Wir hatten gerade mit den Beach Boys und anderen einen Auftritt vor 48.000 Leuten. Er ist ein virtuoser Drummer, das habe ich ihm beigebracht, weil das Schlagzeug auch mein erstes Instrument war. Er ist eine Mischung aus Heavy Metal-Drummer und Gene Krupa. Dann habe ich ihm Gitarre beigebracht, nach der Dick Dale-Methode.

Sie nennen Jimmy den „Prince of Surf Guitar“. Hatten Sie nie Angst, dass er ganz andere Musik lieber hören würde, Hiphop oder New Metal?

Er hört alles und er spielt alles – so wie ich das auch mache. Ich war sowieso nie mit der Bezeichnung „Surf Music“ zufrieden. Meine Kumpels haben mir damals den Titel „King of the Surf Guitar“ verpasst, weil sie mich vom Surfen kannten. Aber man nennt mich auch den Vater des Heavy Metal. Als Leo Fender mir die ersten Verstärker mit über 100 Watt baute, pflegte er zu sagen: „Erst wenn der Verstärker dem Sperrfeuer eines Dick Dale standhält, ist er für den menschlichen Konsum geeignet.“ 1955 hatten die Verstärker vielleicht 10 oder 15 Watt und sechs-Zoll-Lautsprecher. Niemand hat damals LAUT gespielt. Und dann kam Dick Dale: Ich bin kein Gitarrist. Ich bin ein Instrumenten-Manipulator. Aus dem Instrument ziehe ich Freude oder Schmerz. In meinem Leben hatte ich keinen Gitarrenunterricht. Ich nehme einen dieser Rhythmen, die Gene Krupa von den Fruchtbarkeitstänzen der Eingeborenen abgeschaut hat, und ich übertrage diesen Schlagzeugrhythmus auf die Saiten. Deswegen hat mich das Guitar Magazine den Vater des Heavy Metal genannt. Deswegen und wegen der Verstärker. Außerdem benutze ich starke Saiten, von .016, .018, und .020, über .039 und .049 bis .060 ...

... Sie müssen ziemlich verhornte Fingerkuppen haben...

...ich könnte Sie durch Ihre Brust bohren und auf dem Rücken wieder herauskommen...

...upps...

... der Punkt ist: Man nennt sie auch Brückenseile. Sie sind allerdings schwer zu kriegen, weswegen ich auf .058er umgestiegen bin. Jimmy spielt dieselbe Stärke.

Wie würden Sie selbst Ihre Musik beschreiben?

Ich nenne es Dick Dale-Musik, es geht um einen bestimmten Puls. Wie in den Kampfsportarten. Ich habe mein Leben lang Kampfsportarten betrieben. Im Shaolin-Tempel erlauben sie Dir fünf Jahre nicht, das Fell einer Trommel zu berühren, bis du in der Lage bist, mit der Zunge das hervorzubringen, was du spielen wirst. Und das hat seinen guten Grund. Ich habe diesen Prozess zusammen mit Gene Krupas Spiel herangezogen, um einen Rhythmus mit einer Akzentuierung zu entwickeln, den normale Leute nachvollziehen können. Und deshalb siehst du auch 5-Jährige, 50-Jährige, Weiße und Schwarze, wenn du zu einem Dick Dale-Konzert gehst. Sie spüren den Rhythmus. Ich spiele meine Gitarre wie eine Trommel.

Ich habe gelesen, dass Sie arabisch sprechen und arabische Musik als einen Ihrer Einflüsse ansehen.

Mein Vater und seine Eltern kamen aus Beirut. Wir haben den Nachnamen Monsour, einen sehr aristokratischen Namen, der sich sehr weit zurückverfolgen lässt. Auf der Seite meiner Mutter kamen meine Großeltern mit 20 Jahren aus Polen nach Amerika. Sie waren in Russland zur Schule gegangen. Ich trage die Erde von beiden Seiten Familie in mir. Mein Großvater hat mich gelehrt, mit einem Pferd und einem einfachen Pflug zu pflügen und mich von dem zu ernähren, was der Boden hergibt. Deshalb bin ich Vegetarier. Außerdem habe nie eine Droge im Körper gehabt oder Alkohol getrunken, und ich rauche nicht. Darum kann ich heute noch mit dieser Intensität auf der Bühne stehen. Mein Gehirn hat nie die 20 Jahre überschritten, nur mein Körper glaubt das nicht, aber so ist es eben.

Als jemand, der selbst viele Einflüsse in sich vereint: Sehen Sie in der Musik etwas Verbindendes?

Musik zähmt das Biest. Wenn Leute in meinen Konzerten nebeneinander stehen, vergessen sie schnell ihre Sorgen und ihre Feindschaften. Wenn wir Familien zeigen können, wie sie das an ihre Kinder weitergeben können, dann brauchen die Kids auch nicht in Gangs herumzulaufen, sich gegenseitig umzubringen oder ihre Körper mit Piercings zu verstümmeln. Wenn sie jedoch die Lebensweise des Mönchs, des Buddhisten lernen, dann wissen sie: Jemanden zu kennen heißt, sich selbst zu leeren. Stecke deine Hand aus und berühre jemanden. Denke immer daran: Erfahren heißt Wissen. Wissen heißt Verstehen. Verstehen heißt Tolerieren. Tolerieren heißt in Frieden leben. Drittes Auge.

Da Sie ihre musikalischen Fähigkeiten an Ihren Sohn weitergeben: Haben Sie selbst in Ihrer Familie musikalische Lehrer gehabt?

Nein. Aber mein Vater hat immer Big Band-Platten nach Hause gebracht, auch Hank Williams, der immer über den Schmerz im Leben gesungen hat. Mein Vater hat ein bisschen auf dem Klavier geklimpert. Er hatte keine linke Hand, nur die rechte, aber konnte ganz ordentlich spielen damit. Ich habe ihm aber etwas ganz anderes zu verdanken: Er war streng genug mit mir, dass mich wie einen Pfeil auf meinen Weg gebracht hat, und er hat mir die Stärke gegeben, Drinks abzulehnen und stattdessen ein Glas Wasser zu verlangen. Ich habe es damals übrigens gar nicht darauf angelegt, ins Musikbusiness zu kommen. Mein Vater hat mich dazu gedrängt, weil er glaubte, dass ich das Talent dazu hätte. Es hat ihn wahnsinnig gemacht, dass ich so viel Zeit beim Surfen verbracht habe. Für mich war Musik immer nur eines der vielen Fenster, die das Leben hat. Ich bin Pilot, ich habe in Karateturnieren gekämpft, ich habe Häuser gebaut, ich bin mein Leben lang gesurft.

Sie waren einer der ersten Musiker, die eine eigene Website hatten und kümmern sich noch heute selbst darum.

Ich war in vielen Dingen der Erste. Ich war der erste Rockgitarrist in der Ed Sullivan-Show, ich bin der erste Entertainer, dessen Lebensgeschichte in der Congressional Hall of Records dokumentiert ist. Das heißt, ich bin für immer im Weißen Haus!

Das ist beeindruckend.

Mein Sohn und ich wurden auch ins Jimmy Hendrix-Museum in Seattle aufgenommen. Jimmy Hendrix habe ich kennen gelernt, als er als Bassist in der Band von Little Richard in einer kleinen Bar in Pasadena vor zwanzig Leuten gespielt hat. Das war, bevor er überhaupt zu Jimmy Hendrix wurde.

Auf Ihren frühen Fotos sind sie meistens mit einem Surfbrett am Strand zu sehen. Heute pflegen Sie ein dunkles Image mit Lederjacke, schwarzem Stirnband und Totenkopflogo. Wie passen diese beiden Seiten zusammen?

Ich war eigentlich schon immer Motorrandfahrer. Das Stirnband habe ich von einem Wrestler, von „André the Giant“. Seine Frau hat es für mich gemacht, damit mir beim Spielen der Schweiß nicht in die Augen läuft. Und der Totenkopf hat seine eigene Geschichte. Als in Disneyland der Magic Mountain eingeweiht wurde, eine Achterbahn, habe ich die Musik geschrieben, die darin gespielt wird. Zur Eröffnung hat man mich gefragt, ob ich oben auf der Spitze des Berges Gitarre spielen würde. Ich hatte gedacht, dass sie mich mit einem Helikopter da hochfliegen, aber ich musste eine etwa zehn Stockwerke hohe Stahlleiter hinaufklettern, ohne Sicherungsseil. Dann stand ich da mit meiner Gitarre wie Moses auf dem Berg und habe Misirlou gespielt. Ich wäre fast abgestürzt, aber ich hab’s getan. Unten haben sich zwei Kids unterhalten. Der eine sagte, es wäre schade wenn Dick Dale abstürzt. Der andere meinte, „ja, aber er wird die Toten aufwecken, und überall werden die Skelette aus ihren Gräbern kommen.“ Ein paar Disney-Leute haben das gehört und mir dann einen silbernen Ring mit Totenkopf-Motiv machen lassen. Statt gekreuzten Knochen hat er gekreuzte Gitarren. Wenn man den Ring umdreht, sehen sie aus wie die Ohren von Mickey Mouse. Mir hat das so gut gefallen, dass ich das Motiv jetzt als Logo benutze, auf meinen Flugzeugen, auf meinen T-Shirts, auf allem. Ich habe aber auch schon überlegt, ob ich nicht ein softeres Logo mit einem Surfbrett benutzen sollte, das aus den Wellen kommt.

Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Weil ich die Bezeichnung „Surf Music“ nicht mag. Allerdings hat mir mal jemand gesagt, ich sollte mich nicht über meinen Titel als King der Surfgitarre lustig machen, weil mich die Leute so kennen wie sie den anderen King kennen, den King of Rock’n Roll – Elvis. Wir haben übrigens viel zusammen unternommen, wir hatten denselben Karatelehrer. Andere Leute versuchen sich einen solchen Titel hart zu erarbeiten, und da ich ihn nun einmal habe, sollte ich dazu stehen.

Ich muss Sie natürlich nach Pulp Fiction fragen...

...ich erzähle Ihnen, wie das zustande kam. Nach einem Konzert ist Quentin Tarantino in die Garderobe gekommen und sagte, er sei schon seit Jahren ein Fan meiner Musik. Er sagte: „Normalerweise machen Leute erst einen Film und suchen dann eine Musik dafür aus. Ich mache es ungekehrt. Ich suche mir einen Song, höre ihn mir immer wieder an, und dann bekomme ich diese Energie. Aus dieser Energie heraus schaffe ich einen Film. Und Ihr Song hat mit diese Energie gegeben. Könnte ich Ihre Erlaubnis haben, ‚Misirlou’ zu benutzen? Ich möchte ein Meisterwerk damit schaffen.“ Ich war immer auf der Seite der Underdogs, und diesem Mann war oft die Tür vor der Nase zugeschlagen worden. Außerdem sollte John Travolta mitspielen, der übrigens auch ein Pilot ist. Ich habe Quentin gesagt: „Junge, du bist mit Bescheidenheit und einem offenen Herzen zu mir gekommen. Go for it.“

Wie ging es dann weiter?

Er hat mich dann angerufen, als der Film fertig war. Er hat mir eine Limousine geschickt, mich zu den Universal Studios fahren lassen und gesagt: „Heute ist dein Abend. Sag mir, was du davon hältst.“ Als der Film losging, schlug mir Misirlou direkt ins Gesicht. Der Rest ist Geschichte. Der Film hat mehr als 300 Millionen Dollar eingespielt, und Quentin wurde Präsident der Jury von Cannes. Und sieh Dir an, was der Film für John Travolta getan hat: Er fliegt jetzt seine eigenen Jets.

Ihre letzten Platten haben Sie nicht bei einem Label herausgebracht, sondern in Eigenregie. Wie kam es dazu?

Wenn du einen Plattenvertrag unterschreibst, bekommst du einen Vorschuss von einer Million, sie investieren vier Millionen in dich, machen 17 Millionen Gewinn, und am Ende schuldest du ihnen zwei Millionen und siehst keinen Pfennig an Tantiemen – weil sie die Verwertungsrechte für deine Songs behalten. Ich sage den jungen Leuten immer: Unterschreibt nicht bei den Plattenfirmen. Macht eure eigenen CDs und verkauft sie auf den Konzerten. Du bekommst 20 Dollar für die CD anstatt nichts. Wenn du 10.000 CDs für 20 Dollar das Stück verkaufst, überleg mal, was dabei hängen bleibt. So kannst du auch die Nutzungsrechte an deinen eigenen Songs behalten und an deine Kinder weitergeben. Wenn Mountain Dew dir für 30 Sekunden deiner Musik in einem Werbespot 500.000 Dollar anbietet, wie es bei mir der Fall war, dann bekommst du das Geld auch. Wenn du bei einem Label unter Vertrag bist, siehst du davon nichts. Ich sage den jungen Leuten also: Ihr könnt alleine ein Vermögen machen, und dann nehmt das Geld und investiert es in Immobilien!

Immobilien?

Das ist das einzig Wahre. Gott hat nur eine bestimmte Fläche Land geschaffen, aber er macht weiter Menschen. Was ist also die sicherste Investition? Immobilien, und damit habe ich mein Geld gemacht. Ich habe meinen eigenen Airport hier, ich habe 60 Hektar Land, ich kann rausgehen, in den Dreck pissen, und keiner beschwert sich. Ich habe mein Penthouse am Wasser, in dem ich gerne mit Leuten zusammen sitze, die es verdient haben, mit Leuten, die bescheiden und nett sind.

Interview: Martin Kaluza

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