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Heute ein Robinson

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Auf der Insel im Südost-Pazifik, die Daniel Defoe inspirierte, bleibt man jetzt gerne freiwillig (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 2012)

Robinson Crusoe-Insel

Flora de Rodt kommt auf die Terrasse ihres kleinen Restaurants getippelt. Auf dem Tablett balanciert sie eines der mehrstöckigen Fischsandwiches, für die sie auf der ganzen Insel bekannt ist. Sie bereitet es mit einem Stück saftig gebratener Vidriola zu, einer Makrelenart, und belegt es mit viel Salat, Avocado, Tomaten und Käse. Floras Spezialrezept hat sich bis zum Festland herumgesprochen, gerade erst hat eine Zeitung in Valparaíso darüber berichtet. Im Gastraum hängt ein Foto ihres Urgroßvaters, des Baron Alfred von Rodt, nach dem sie ihr Restaurant mit Meerblick benannt hat. „Er hat die Insel 1877 kolonisiert“, sagt Flora stolz. Die „Isla Robinsón Crusoe“ ist mit 50 Quadratkilometern halb so groß wie Sylt und gehört zum Juan-Fernández-Archipel im südöstlichen Pazifik. Heute leben hier Dutzende Nachfahren des Schweizer Barons.

Knappe zwei Stunden dauert der Flug in einer achtsitzigen Propellermaschine von Santiago de Chile aus, 670 Kilometer über den Pazifik. Der Flugplatz der Insel liegt buchstäblich im Nichts. Im Dorf war kein Platz für eine Piste, die Maschinen landen auf der anderen Seite, hinter den Bergen, wo es staubtrocken ist und kein Baum wächst. Der anderthalbstündige Transfer vom Flugplatz ins Dorf in einem offenen Fischerboot mit Außenbordmotor ist im Flugticket inbegriffen. Die Bucht, in der die Fluggäste an Bord gehen, wimmelt von Juan Fernández-Seebären, einer Robbenart, die nur hier vorkommt. Auf halbem Weg tummelt sich unvermittelt ein Dutzend Delfine um das Boot. Aus dem Meer ragen breite, wie mit dem Messer geschnittene Felswände hinauf. Hinter ihnen erhebt sich der Yunque (der „Amboss“), ein 915 Meter hoher kantiger Berg mit breitem Grat, der aussieht, als habe jemand ein Brett aufrecht in die Insel gerammt.

Ihren Namen verdankt die Insel dem schottischen Seefahrer Alexander Selkirk, der 1704 auf einem Freibeuter unterwegs war und nach einem Streit von seinem Kapitän auf der Insel ausgesetzt wurde. Selkirk war das historische Vorbild für die Romanfigur Robinson Crusoe. Vier Jahre und vier Monate schlug er sich allein auf der damals unbewohnten Insel durch, bevor ihn ein englisches Schiff Selkirk wieder aufsammelte. Sein Bericht über die Zeit auf der Insel erregte in der englischen Öffentlichkeit großes Aufsehen und inspirierte Daniel Defoe zu seinem berühmten Roman. Auch nach Selkirk ist eine andere Insel des Archipels benannt. Sie liegt 187 Kilometer weiter westlich, Selkirk hat dort allerdings nie gelebt. Ursprünglich hießen die Inseln „Más a Tierra“ und „Más afuera“ („Näher zum Land“ und „Weiter draußen“), 1966 wurden sie umbenannt.

Cerro Centinela

Ein Großteil der fünfhundert Einwohner arbeitet als Fischer, vor allem Langusten gehen gut. Eine Handvoll Privatunterkünfte und ein Hotel versorgen die 1500 Touristen, die es im Jahr hierher verschlägt. Ilka Paulentz betrieb eine solche Unterkunft und bietet auch Bootsfahrten an. In den Morgenstunden des 27. Februar 2010 verlor sie ihr Haus binnen Sekunden. Nach dem großen Erdbeben auf dem chilenischen Festland riss ein Welle, stellenweise fünfzehn Meter hoch, das halbe Dorf mit sich: Häuser, das Postamt, die Polizeistation, von der Turnhalle ist nur noch der Fußboden zu sehen. Die chilenischen Behörden auf dem Festland hatten es versäumt, eine Tsunami-Warnung zu der abgelegenen Insel zu schicken. Sechzehn Menschen starben auf Robinson Crusoe, jeder Bewohner hat Freunde oder Verwandte verloren.

Ilka hatte großes Glück. „In der Nacht schlief ich fest und bemerkte den Tsunami erst, als das Wasser mein Schlafzimmerfenster durchbrach“, sagt sie. Mitsamt ihres Hauses wurde Ilka von der ersten Welle fortgespült, konnte sich in der Bucht aus den Trümmern befreien und überlebte die zweite Welle, indem sie im Mut der Verzweiflung unter ihr hindurch tauchte. Inzwischen hat sie sich ein neues Haus gebaut - an der gleichen Stelle, an der das alte stand. Angst hat sie nicht. „Ich bin nicht hierher gekommen, um auf dem Hügel zu wohnen“, sagt sie.

Wer die Insel für eine Woche besucht, kann jeden Tag eine andere Wandertour in den Wald oder in die Berge unternehmen. Für die schönste fährt man am besten wieder zum Flugplatz und läuft von dort ins Dorf zurück. Sara de Rodt, Ururenkelin des Barons, kennt den Weg gut und hat eine Mitfahrgelegenheit mit einem befreundeten Fischer organisiert. Für den Fall, dass ihre Schwester anruft, hat Sara ein Funkgerät mitgenommen, nicht größer als ein Walkie Talkie. Die Schwester, erzählt sie, wohnt auf der Isla Alejandro Selkirk. Nur ein paar Monate im Jahr leben dort um die fünfzig Fischer, nach Ende der Saison kehren sie zurück. Saras Schwester ist nicht auf Empfang. Dafür begleitet sie der Funkverkehr des Flugplatzes.

Gleich neben der Rollbahn beginnt ein schattenloser Fußweg, der über Kilometer nur leicht ansteigt. Hinter jeder Bucht bietet sich ein neuer Blick in felsige Abgründe, manchmal weht der Geruch einer Seebärenkolonie hinauf. An den Hängen des Yunque hält sich der Urwald und säumt den immer steileren Aufstieg zu einem Pass, der auf 565 Metern Höhe einen weiten Blick auf beide Seiten der Insel gibt, dem „Mirador Alejandro Selkirk“. Von hier aus hat der schottische Ur-Robinson täglich Ausschau nach Schiffen gehalten. Heute stehen hier eine Gedenktafel und ein Holzausguck. Ein Grüppchen Dorfbewohner ist zum Picknick auf Pferden heraufgekommen, während eine Handvoll Touristen nach imaginären Schiffen Ausschau hält. Beim Abstieg führt eine kleine Abzweigung durch dichtes Gebüsch zu den Grundmauern einer Hütte. Ein Schild verkündet gewichtig, dies sei die Behausung Selkirks gewesen. Wenn man Inselbewohner darauf anspricht, gucken sie verschmitzt und sagen Dinge wie: „Man muss nicht alles glauben, was auf Schildern steht.“

Am Abend hat sich das halbe Dorf in einem großen Zelt zum Bingo versammelt. Nützliche Dinge gibt es zu gewinnen, ein Pfund Reis, eine Torte, eine Flasche Wein. Wann immer die Zahl 69 gezogen wird, ertönen anzügliche Pfiffe. Mit dem erspielten Geld will die lokale Radiostation Sendetechnik einkaufen, die alte wurde vom Tsunami zerstört. Der Bingoabend dient über ein Jahr nach dem Unglück auch der Ablenkung. „Wir sind erst langsam wieder dabei, uns zu amüsieren“, erklärt Jorge Palomino, der das Postamt betreibt. „Lange hat man im Dorf keine Musik gehört“. Als dann im letzten Jahr einmal eine Marinekapelle kam und die Nationalhymne spielte, hatte Jorge einen Kloß im Hals. „In einer Zeile ist von dem Meer die Rede, das 'ruhig uns umspült'“, sagt er. „Es war sehr, sehr seltsam, das zu hören, nach all der Zerstörung.“

Der Morgen der Abreise. Ein deutsches Kreuzfahrtschiff ist in der Bucht vor Anker gegangen. An der Mole steht ein merkwürdig kostümierter junger Mann. Er hat sich aus Ziegenfell einen Umhang und einen Hut gefertigt und posiert nun als Robinson stilecht mit Muskete für Fotos. Das Boot zum Flugplatz wartet bereits, heute fährt Ilka Paulentz die Passagiere. Felsen sind auf der Fahrt diesmal kaum zu sehen, die Wolken hängen tief und geben nur einen schmalen Blick über die Wellen frei. Die Insel wirkt verlorener als an den klaren Tagen. Das Meer zeigt sich seltsam ruhig und lässt nur ahnen, zu welchen Launen es imstande ist. Ilka reckt ihre Nase in den Wind und schaut hinaus auf den Pazifik. Sie sieht glücklich aus.

Text und Fotos: Martin Kaluza

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