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Exzellenz im Ex-Exil

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Der chilenische Schriftsteller Antonio Skármeta ist als Botschafter seines Landes nach Berlin zurück gekehrt – vor 15 Jahren hatte er hier im Exil seinen erfolgreichsten Roman geschrieben. (Kieler Nachrichten, Wochenend Journal 2001)

Just als sich die Hochzeit des Jahres anbahnt, mischt sich – wir schreiben das Jahr 1913 - die Weltgeschichte in das abgeschiedene Leben auf der Adria-Insel Gema ein. Zwölf junge Inselbewohner haben im patriotischen Überschwang den Zorn Österreichs auf sich gezogen und sehen zu, dass sie weg kommen - am besten nach Chile, Südamerika, so weit wie möglich eben. Die Konsulin, die dem wilden Dutzend einen gemeinsamen Pass mit Gruppenfoto ausstellt, ist eine einsame aber offenherzige Person - eine Nebenfigur in Antonio Skármetas jüngestem Roman “Die Hochzeit des Dichters”. Wer genau hinsieht, erkennt in ihr Züge der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral, die tatsächlich (wenn auch in den Fünfzigern) als Diplomatin nach Italien ging. Als Skármeta, Jahrgang 1940, das Buch schrieb, ahnte er noch nicht, dass er selbst wenig später als Botschafter Chiles nach Berlin gehen würde.

Antonio Skármeta lehnt sich im Sessel seines Arbeitszimmers zurück und sagt mit einem weichen Akzent, dass sein Leben in Chile eigentlich gerade in ganz anderen Bahnen verlief: Skármeta schrieb Romane, hatte eine Gastprofessur für Romanische Sprachen in St. Louis, und er moderierte mit “El show de los libros” (Die Büchershow) eine populäre Fernsehsendung, in der er Leute zum Lesen bringt, die sonst kein Buch anrühren.

Ende April kam dann dieses Angebot, der sprichwörtliche Anruf: “Der Präsident sagte: ‚Ich bin dabei, meine Außenpolitik aufzubauen.‘ Ich sollte so schnell wie möglich eine Entscheidung treffen.” Die Berufung war nicht zuletzt eine Verbeugung vor den Intellektuellen und Künstlern, die den sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos im Wahlkampf gegen die “Pinochetisten” geschlossen unterstützt hatten. Skármeta besprach sich kurz mit seiner Familie und sagte am nächsten Tag zu. Während er erzählt, macht sich das Lächeln auf seinem Gesicht so breit, dass die Augen hinter den Brillengläsern ganz klein werden. Wer sitzt einem da gegenüber? Der Dichter oder der Diplomat? Eine Angestellte der Botschaft bringt Kaffee.

In Chile ist es schon fast traditionell mehr als eine Metapher, dass Schriftsteller auch Botschafter ihres Landes sind – Gabriela Mistral war Konsulin in Italien, Jorge Edwards Repräsentant in Kuba und Pablo Neruda war unter Allende Botschafter in Paris. Überhaupt genießen die Dichter in dem südamerikanischen Land großes Ansehen: Von Neruda heißt es, er habe seine Gedichte in ausverkauften Stadien vorgelesen, Skármeta kennt man aus dem Fernsehen, und selbst die Lesungen von weniger bekannten Autoren sind rappelvoll. “Zwischen Volk und Dichtern herrscht eine gegenseitige Sympathie”, sagt Skármeta dazu und beugt sich ein Stückchen nach vorn, “in Deutschland fehlt diese Brücke manchmal.” In den Achtzigerjahren lernte er Heinrich Böll kennen und war ganz verwundert, wie der deutsche Kollege von Presse und Politikern angegriffen wurde: “Jemand wie Böll würde in Chile einmütig geschätzt werden.”

Als Skármeta im Mai nach Berlin kam, war das eine Rückkehr. Nach Pinochets Putsch im Jahr 1973 hatte er mit Frau und Kindern seine Heimat verlassen. Über einen Zwischenstopp in Argentinien verschlug es ihn 1975 in den Westteil Berlins, nach Charlottenburg. Vierzehn Jahre lebte er in der Mauerstadt, studierte neben dem Kultur- nicht zuletzt auch das Nachtleben und schrieb ein Drehbuch nach dem anderen.

In Berlin entstand sein bislang erfolgreichster Roman, “Mit brennender Geduld”. Die Geschichte um einen jungen Briefträger, der sich von seinem Kunden Neruda ein paar Metaphern “ausleiht”, um die Dorfschönheit zu erobern, wurde gleich zweimal verfilmt. Das erste mal von Skármeta selbst – das war genau genommen vor der Romanfassung. Michael Radfords Neuverfilmung mit Philippe Noiret und Massimo Troisi sollte später für fünf Oskars nominiert werden. Im Januar 1989, nachdem Pinochet per Volksabstimmung abgewählt worden war, ging Skármeta mit seiner Frau – einer Berlinerin - nach Chile zurück.

Viel Zeit, Berlin von neuem zu erkunden, haben ihm die neuen Aufgaben allerdings noch nicht gelassen. Gleich zu Beginn kam Präsident Lagos auf Staatsbesuch nach Deutschland, um an der Konferenz “Modernes Regieren” teilzunehmen, zu der Schröder auch Clinton, Jospin und Amato geladen hatte. Kurz darauf zog die Botschaft aus einem DDR-Plattenbau in die Nähe des mondänen Gendarmenmarktes um. Chile, ein Land, dessen Bewohner gern damit kokettieren, wie klein und abgelegen es sei, zeigt, dass es wieder zur Welt gehört.

Dazu zählt für den Botschafter Skármeta auch, dass Ex-Dikatator Pinochet in seiner Heimat vor Gericht steht: “Das war das Versprechen Chiles an die Welt, als es ihn von London wieder nach Santiago geholt hat. Jetzt kommt der Prozess.”

Nun mag man sich fragen, ob der Dichter, der zum Diplomaten wurde, nicht ein Doppelleben führt. Skármeta schmunzelt, wenn er an das Wort denkt. In seinen Romanen geht es mitunter herzhaft zu, und die Sprache, die er dort spricht, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man diplomatisch nennen würde. “Literatur hat mit Leidenschaft zu tun, mit der Komplexität des Lebens”, sagt er dann. Sollte ihm der Diplomat beim Schreiben über die Schulter gucken, könnte der gar keinen Einfluss ausüben: “In dieser leidenschaftlichen Welt spielen Intellektuelles und Ordnung überhaupt keine Rolle.”

Und wenn ihm die diplomatischen Aufgaben nun gar keine Zeit mehr zum Schreiben lassen? Skármeta guckt ein bisschen verschmitzt, denn abtauchen wird er als Literat nicht. Er hat schonmal einen kleinen Vorrat angelegt: “In den letzten sieben Jahren habe ich außer der ‚Hochzeit des Dichters‘ noch zwei Romane geschrieben. Die kommen im nächsten und im übernächsten Jahr heraus.”

Martin Kaluza

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