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Elf Kollegen sollt ihr sein

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Und wieder haben die Fußballbundesligisten im Winter Trainer gewechselt, Spieler gekauft, Millionen bezahlt. Es gibt auch andere Methoden - Freizeitmannschaften und Tresenkicker beweisen es. Eine Analyse. (Die Zeit 2002)

Wenn der Trubel um den Jahresanfang langsam verebbt ist und wir die letzten Tage Resturlaub abfeiern, legt sich eine eigentümliche Stille über das Wohnzimmer. Es sind die Tage der inneren Einkehr und der analytischen Betrachtung - Zeit also, sich mit spitzem Bleistift und ein paar Dosen Bier an den Couchtisch zu setzen, um sich in Ruhe Gedanken zu machen. Über Fußball. Die routinemäßige Aufstellung der deutschen Idealelf für das neue Jahr ist flott erledigt, wirft aber ihrerseits theoretische Fragen auf. Was zeichnet eine große Mannschaft aus? Lässt sich Erfolg erzwingen? Gibt es ein Geheimnis jenseits von millionenschweren Spielertransfers, Viererkette und Motivationstrainern? Um den Blick auf diese Fragen zu schärfen, ist es ratsam, das Blendwerk des bezahlten Fußballs beiseite zu lassen. Ohnehin sind professionelle Fußballer nur eine kleine, wenn auch laute Minderheit.

Tipp 1: Der Rechte spielt auf Links

Klaus Riegert ist einer der stillen Stars des deutschen Fußballs. 172 Tore schoss der Schwabe in 150 Spielen, doch anstatt seine Knochen für Geld hinzuhalten, schlägt er sich als CDU-Bundestagsabgeordneter durch. In den Sitzungswochen streift sich seine Freizeitmannschaft, der FC Bundestag, im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark die Trikots der deutschen Nationalmannschaft über. Zum Kader zählen mit Joschka Fischer (torlos), Peter Struck und Theo Waigel (jeweils 3 Treffer) einige große Namen, doch die Stützen des Spiels sind die Hinterbänkler. “Joschka Fischer hatte früher schon wenig Zeit, und jetzt hat er gar keine mehr”, sagt Kapitän Riegert.

Die Rollenverteilung auf dem Platz ist durchdacht: Den Linksaußen gibt CSU-Mann Klaus Rose, den Rechtsaußen der SPD-Abgeordnete Günter Graf - das ist für den Gegner schwer auszurechnen. Gut tat es dem Team außerdem, dass mit der letzten Wahl einige junge Spieler ins Parlament gespült wurden, die den Altersschnitt deutlich gedrückt haben. In der 26 Jahre alten Grietje Bettin, die das Spielrecht im vorletzten Jahr als Nachrückerin erworben hat, steht zudem zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten eine Frau für das Bundestagsteam auf dem Platz.

Entsprechend rund lief die Saison. Nach dem 2 : 1-Erfolg über das polnische Parlament schien der FCB zunächst zu schwächeln. Gegen die Abgeordneten Ungarns erkämpften sie auswärts ein 1 : 1 und mussten sich in Moskau der Duma 0 : 1 geschlagen geben. Doch bereits im Mai konnte der Bundestag beweisen, dass er letztlich eine Turniermannschaft ist. Bei der Europameisterschaft in Würzburg kochten die Parlamentarier ihre Kollegen aus der Schweiz, aus Finnland und Österreich ab - ohne Gegentor und Punktverlust. Was die Elf so stark macht, liegt auf der Hand: Der Kader wird vom Volk bestimmt. Und dem Volk wurde schon öfter bescheinigt, eine Ansammlung von 80 Millionen Bundestrainern zu sein.

In guter Form zeigt sich derzeit auch die Literatur-Auswahl, die jedes Jahr im österreichischen Klagenfurt auf eine Mannschaft des Österreichischen Rundfunks trifft, seit einige der literarischen Hauptakteure beim WM-Gucken 1990 der Ehrgeiz packte. Während in Klagenfurt nach der Verleihung des letzten Bachmann-Preises schon gemault wurde, die Texte seien nicht so doll gewesen, herrschte Einigkeit darüber, dass die Literaten inzwischen durchaus passabel Fußball spielten. Erstmals konnte das Team der Poeten, Lektoren und Feuilletonisten die Übermacht des eingespielten ORF brechen.

Tipp 2: Kluge Köpfe sind auch hart

Jahr um Jahr hatte Ulrich Janetzki, Initiator der Traditionspartie und im Hauptberuf Leiter des Literarischen Colloquiums Berlin, vergeblich versucht, dem ORF sein Córdoba beizubringen. Es war ja auch verwirrend: “Die Österreicher haben sich auf dem Platz gesiezt. Wenn ein Spieler den Ball haben wollte, rief er 'Herr Intendant'!” Einmal erklärte Janetzki seinen Mitspielern vor laufenden Kameras, wohin sie dem Intendanten zu treten hätten - die Partie ging 2 : 4 verloren. Ein andermal mogelte er durch ausgeklügelte Wechseltaktik einen zwölften und dreizehnten Spieler aufs Feld - der Fifa-erprobte Schiedsrichter erkannte den bis dato einzigen Sieg der Literaten nicht an.

Janetzki feilte an der Taktik: Weniger begabte Spieler schickte er konsequent in die Verteidigung – “damit sie nicht auf die Idee kommen, die Ecken zu schießen”. Gerade bei einem eingespielten Gegner liege die Chance in den Standardsituationen. Im Idealfall ist dann der letztjährige Lesesieger Michael Lentz zur Stelle: “Er hat nicht nur einen klugen, sondern auch einen harten Kopf.”

Im vorletzten Jahr lehnte Janetzki die Auswechslung des Literaturagenten und vermeintlichen Simulanten Axel Haase ab und schickte ihn trotz eines Sehnenrisses wieder aufs Spielfeld zurück. Ironie des Schicksals: Derselbe Haase vertrat Janetzki beim letzten Spiel als Coach und fuhr mit dem verdienten 6 : 3 prompt den ersten rechtmäßigen Sieg der Literatur ein.

Einen Gegner, der lange Jahre unschlagbar erschien, bezwang auch die deutsche Nationalmannschaft der Spitzenköche. Im Mai konnte sie, der EM-Vierte, sich erstmals gegen Europameister Italien durchsetzen, 3 : 2 hieß es am Ende. Zum besternten Kader gehört auch Vox-Fernsehkoch Sante de Santis, dessen Rezept recht einfach klingt: “Ich stehe vorn und warte, dass der Ball zu mir kommt.”

“Einige Spieler haben für die Mannschaft zehn bis zwölf Kilo abgenommen”, sagt Koordinator Wilfried Hurst, der auch den alljährlichen Lactattest organisiert. Andere sind zufrieden, wenn sie am Spieltag kurz die Zigarre weglegen, zehn Minuten spielen und das Feld wieder den Kollegen überlassen. Den Ernährungsplan bringt der Fußballdeutsche de Santis auf einen einfachen Nenner: “Vor dem Spiel viel Bier.” Erfolgsgeheimnis: die richtige Mischung aus Mario Basler und Vorzeigeprofi.

Betont sportlich ernährt sich die Betriebsmannschaft der Münchner Novartis Consumer Health, die sich auf dem Pharma-Hallenturnier schon 19-mal Gegnern wie Bayer, Ratiopharm und Procter & Gamble gestellt hat. Die Firma produziert nicht nur die Zusatzstoffklassiker Isostar und Ovomaltine, sondern auch das Schmerzgel Voltaren. Kundendienstleiter Hagen Weisser versichert, dass im Notfall auch der Gegner eine Tube aus dem Versorgungskoffer bekommt. Der Lohn: Turniersieg 2000, dritter Platz 2001. Wir erkennen Parallelen zur Bundesliga: Auch dort hat ein bekannter Pharmaverein sozusagen in der Not eine Tube spendiert - die Tube hat uns gerade noch für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

Dass striktes Ignorieren des Deutschen Fußball-Bundes den Horizont nur erweitern kann, beweisen nicht zuletzt die Bunten Ligen der Republik. Über die Jahre hatten Freizeitkicker in Aachen mit Mannschaftsnamen wie Lazio Koma, RSC Lattenspalter oder schlicht Deutschland (damit jeder einmal die Chance hat, gegen Deutschland zu gewinnen) ästhetische Maßstäbe gesetzt.

Vor zweieinhalb Jahren kam mit Villa Kunterbunt ein eher unauffälliger Name hinzu. Dahinter jedoch verbirgt sich das erste Team von Knastinsassen, das am regulären Ligabetrieb teilnimmt - Begegnungen mit der Polizistenmannschaft Aachen Bulls eingeschlossen. Die Gefangenen wurden 2000 auf Anhieb Meister und unterlagen 2001 im Finale den Concrete Crocodiles nur im Elfmeterschießen. Zudem stehen sie noch im Pokalfinale 2001, das aber wegen Umbauarbeiten in der JVA auf dieses Jahr verschoben werden musste. Eine Verlegung des Austragungsortes kam nicht infrage: Villa Kunterbunt hat immer Heimrecht - genau genommen Heimpflicht.

Tipp 3: Niemals auswärts

Überlegung am Rande: Im Jahre 1995 löste die Fifa in Bolivien einen fünfminütigen Generalstreik aus, weil sie beschloss, dass die Nationalmannschaft ihre Heimspiele nicht mehr in Höhenlagen über 3000 Metern - also nicht mehr wie üblich im 3600 hoch gelegenen La Paz - austragen dürfe. Den Gegnern war dort die Luft ausgegangen. “Eine Knastmannschaft aus La Paz”, murmeln wir halblaut, “müsste praktisch unschlagbar sein.” Allerdings lässt sich das schlecht auf die DFB-Elf übertragen, zumal die Zugspitze in Bolivien kaum mehr als ein Idiotenhügel wäre. Eine Weile noch grübeln wir so über unseren Notizen und klickern mit dem Bleistift zwischen den leeren Dosen. Es wird Zeit, dass die Winterpause zu Ende geht.

Martin Kaluza

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