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Eine feine Dialektik

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Denken in vier Gängen: Das philosophische Diner. (zitty 2000)

Es ist 19.28 Uhr. Eine Traube neugieriger bis konspirativ dreinschauender Gäste hat sich an den Tresen geklemmt und sieht aus wie bestellt und nicht abgeholt. Bis sie abgeholt wird. Ein junger Mann geleitet die Gruppe ins rustikale Hinterzimmer. Auf einer weiß gedeckten Tafel liegen frisch gespitzte Bleistifte bereit. Im Menü ein Blatt für Notizen. Fünfzehn gemeldete Gäste wollen heute, auf Einladung von Uwe Nitsch und Horst Gronke, im Kreuzberger Restaurant Austria gemeinsam über ein philosophisches Thema grübeln: "Was hoffen? Was fürchten?". Dabei werden sie freundlicherweise immer wieder von Herrn Blum unterbrochen. Herr Blum bringt das Essen.

"Das Essen ist hilfreich, insofern es den Denk- und Gesprächsprozess verlangsamt," schickt Uwe Nitsch vorweg. Da kokettiert er ein bisschen, denn andererseits soll dass Essen nicht so schwer im Magen liegen, dass es jegliche Redelust ausbremst - man hat sich mit dem Koch verständigt, dass er sich aus dem gemäßigten Bereich der österreichischen Küche bedient. Eine feine Dialektik sozusagen. Unterdessen der Startschuss fürs Gespräch: Die Runde sucht Beispiele für Fürchten und Hoffen. Furcht, den Zug zu verpassen, Hoffnung auf Frieden, Hoffnung im Fußballstadion.

20.15 Uhr. Die "klare Paradeisuppe mit Käseschöberl" sieht eher aus wie Hühnerbrühe als wie die österreichische Variante der Tomatensuppe. Das ist volle Absicht - zum Denken gibt‘s nur ungebundene Suppen. Diese ist lecker und geht gut runter, kein Grund zur Sorge. Zwischen den Löffeln leuchtet es völlig ein, sich jetzt auf ein Beispiel zu konzentrieren. Ein Herr, von Beruf Politologe, hatte erwähnt, dass seine Tochter jetzt in dem Alter ist, in dem sie zum ersten Mal mit weichen Drogen in Kontakt kommen könnte, und fürchtet das Schlimmste.

Darum entspinnt sich eine Debatte, ob das Hoffen der Eltern in solch einer Situation ein altruistisches ist oder ob sie nicht letztlich für sich selbst hoffen. Eine Lehrerin wirft ein, das sei gar nicht so verkehrt: Man kümmert sich schließlich um die Kinder, dann will man auch, dass anständige Menschen aus ihnen werden. Als die Frage zusehends verknotet und mit ihr der eine oder andere Magen, serviert Herr Blum den Salat. Das lockert die Situation in beiderlei Hinsicht auf.

21 Uhr. "Vogerlsalat mit Kernöl, Knoblauchtoast und Speck". Die angebratenen Speckwürfel sind herzhafte Tüpfelchen zwischen den grünen Blättern, und auch das Denken wird wieder akzentuierter. Wir sind inzwischen überzeugt, dass es einigermaßen leicht zu sagen ist, was man fürchtet. Was genau man hofft, ist schwieriger zu fassen. Der eine oder andere Wein lässt die Sicht auf die Dinge allerdings verschwimmen.

21.45 Uhr. "Gefüllter Lammrücken mit Steinpilzgratin und Fisolen". Kulinarisch wie sachlich spitzt sich die Lage zu. Das Lamm ist wunderbar zart und hat gerade soviel Fettrand, wie man braucht, wenn das Gehirn verstärkt Sauerstoff verbrennt. Es wird grundsätzlich. Der Satz "Furcht gebiert Hoffnung, und Hoffnung gebiert Furcht" steht testweise im Raum. Grübeln und Stiftekratzen. Ein Lottospieler kann durchaus darauf hoffen, dass er einen Sechser landet, aber fürchtet er deshalb, keinen zu tippen? Gut, vielleicht gibt es Hoffnung ohne Furcht. Die Runde vermutet daher, dass es zwei Typen von Hoffnung gibt: Die Hoffnung, dass etwas Befürchtetes nicht eintritt, im Gegensatz dazu die Hoffnung auf ein Plus wie beim Lotto. Und schließlich engagiertes Hoffen. Drei Typen also. Zeit fürs Dessert.

22.50 Uhr. "Scheiterhaufen mit Vanillesoß", mehrere Schichten Teig mit Apfel und Quark darin und Zimt darauf. Ein Herr hat beschlossen, nur noch begründet zu hoffen und nicht mehr sorglos, unwirksam und illusorisch. Die Ärztin verspricht, im Herzen und in Gedanken aufzubewahren, was sie hier gehört hat, und bestellt Cognac. Herr Gronke reicht einen Zettel mit Zitaten von Philosophen herum. Der aber wird kaum überflogen. Nach dem Mokka vielleicht.

Martin Kaluza

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