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"Don't tell me what the fuck I can play!"

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Mit Living Color wurde er berühmt, für James Brown machte die Gitarre zum Huhn, und mit den Free Form Funky Freqs geht er einfach ohne Stücke und ohne Proben auf die Bühne. Eine Begegnung mit Vernon Reid (grand guitars 2008)

Eigentlich ist es kein richitger Backstageraum, aber für Konzerte wird die Küche des Café Garbáty, einer alten Stadtvilla in Berlin-Pankow, kurzerhand umfunktioniert. Vernon Reid sitzt entspannt an dem runden Holztisch, um den man kaum herumlaufen kann, so eng ist es. Eine gemütliche Umgebung für jemanden, der auch schon auf Stadiobühnen gespielt hat. Heute wird Vernon Reid hier mit dem Trio „Free Form Funky Freqs“ auftreten, zu dem der Bassist Jamaaladeen Tacuma und Drummer Calvin Weston gehören.

Oberflächlich betrachtet mag es aussehen, als sei Vernon Reid ein Rockmusiker, von dem man lange nichts gehört hat. Doch das trifft es nicht. Er ist eher jemand, der einen Ausflug in das große Rockbusiness unternommen hat und danach wieder tut, was er vorher tat: Er spielt mit einigen der interessantesten Musiker quer durch die Jazz-, Fusion- und Funkszene zusammen. Zwischendrin hat er mit Living Color einen Sound geprägt, der den Boden für den Nu Metal-Boom der vergangenen zehn Jahre bereitet hat. Dieser Zeit hat Reid es zu verdanken, dass der Rolling Stone ihn auf Platz 66 der einflussreichsten Gitarristen wählte.

Reid war nie einfach der Gitarrist einer Band oder eines Projektes. Er ist ein Mann, der in der Musik konzeptuell denkt und der die Musik – genau wie die Musiker – als Teil und Produkt einer Gesellschaft begreift. Anders als die üblichen Metalbands war Living Color deshalb auch eine Band ohne die entsprechenden Posen oder böses Getue. Dafür waren sie ziemlich politisch. 1985 hatte Reid die Künstlervereinigung Black Rock Coalition mitgegründet. Ihre Mission: schwarze Musik aus den Schubladen zu befreien, in die sie gezwängt worden war. „Es war fünfzehn Jahre nachdem Hendrix gestorben war. Rock'n Roll war fast ausschließlich eine weiße, männliche Musik,“ sagt Reid. „Es war unglaublich schwierig für einen Schwarzen, Rockmusik zu spielen. Ihre Stärke liegt aber gerade in ihrer Vielfalt. Problematisch wird es, wenn es heißt, es gäbe nur eine bestimmte Definition für Rockmusik. Das Problem ist die Vorstellung, dass du dich aus dieser Musik raushalten solltest. Und das lehne ich ganz entschieden ab. Vielleicht besteht gerade darin meine Metal-Haltung: Don't tell me what the fuck I can play!“

Obwohl Reid die Jimi Hendrix-Verehrung eher skeptisch beobachtet, gerät er ins Schwärmen, wenn er über ihn spricht: „Hendrix hat die Linien zwischen Lärm und Harmonie verwischt, zwischen Konsonanz und Dissonanz, zwischen Liebe und Wut. Er hat das alles in einem großen Strudel gemorpht, bevor es überhaupt ein Wort dafür gab. Er konnte unglaublichen Lärm produzieren, der sich dann in etwas sehr Schönes verwandelt hat. Dass er die Gitarre in Monterrey angezündet hat, war buchstäblich eine dialektische Kritik des Materialismus, und zwar auf Uni-Niveau. Seine Aussage war: Es geht hier überhaupt nicht um die Gitarre. Indem er sie zerschlug, zeigte er seine Wut – und vielleicht die Wut aller Afroamerikaner über ihre Situation und den Rassismus. Das ist große Kunst.“

Am heutigen Abend stehen mit Reid, Tacuma und Weston starke Persönlichkeiten auf der Bühne, die alle Nuancen von musikalischer Meditation bis Lärm beherrschen. Weston ist selbst Bandleader, spielte bei den Lounge Lizards und hatte sogar einen Gastauftritt in Paul Austers und Wayne Wangs Raucher-Filmkklassiker „Blue in the Face“. Jamaaladeen Tacuma war lange Jahre Mitglied in der Band „Prime Time“ des Freejazz-Pioniers Ornette Coleman und hat die Stilrichtung „Free Funk“ mitgeprägt. Weston hatte die drei, die schon lange befreundet waren, aber noch nie zusammen gespielt hatten, zu einem Konzert für den inzwischen geschlossenen Jazzclub Tonic in New York zusammengetrommelt. Es gab nicht einmal Zeit für Proben. Die drei marschierten auf die Bühne und legten los – ohne Absprachen, ohne Songs, ohne Noten. Das funktionierte so gut, dass sie genau das zu ihrem Konzept machten und als Free Form Funky Freqs auf Tour gingen. Jeder Abend klingt komplett anders.

Reid erklärt, dass er bei Auftritten die Momente sucht, in denen die Musik ohne großes Nachdenken entsteht: „Hinterher kann sie analysiert werden. Aber ich will außerhalb meines selbstbewussten, kontrollierenden Ichs stehen, von dem Ich, das Anerkennung sucht, das gut spielen will, das Eindruck schinden will. Wenn mir das gelingt, das sind die glücklichsten Momente.“ Die müssen nicht technisch spektakulär sein – ein solcher Moment war, als Reid einmal mit James Brown Red Rooster spielte und Brown ihn bat, die Gitarre einfach mal wie ein Huhn klingen zu lassen.

Die Berliner Zuschauer haben Glück und können die Free Form Funky Freqs gleich zwei Mal sehen – im Café Garbáty und im Jazzclub Quasimodo, zwei komplett verschiedene Abende. Die Musik wechselt von colemanschem harmolodischem Jazz zu Ambient, von Metal zu Shuffle, einmal schält sich ein Discobeat aus einer Lärmphase. Als Tacuma in einer Pause seinen Bass nachstimmt, wird auch daraus ein druckvoller Jam. „Manchmal während dieser Tour dachte ich 'Scheiße, wo sind wir?'“, hatte Reid noch vorher am Küchentisch gesagt. „Aber dann entwicklete sich daraus etwas Großartiges. Und dann verging es auch wieder. Auch das ist wichtig, denn man kann einen guten Moment auch zu lange melken.“

Martin Kaluza

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