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Die Vermessung des Mülls

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Zwei Nordpazifik-Expeditionen sind im Spätsommer mit einer ungewöhnlichen Mission aufgebrochen. Ihr Ziel ist die größte Kunststoffdeponie der Welt – mitten im Meer. (zeo2 2009)

Man sollte meinen, das Zeitalter der Entdecker wäre vorbei und Erde wie Ozeane einigermaßen erkundet. Der Südpol? Erobert von Amundsen. Nordpol? Peary oder Cook, je nachdem, wem man glauben mag.  Nordwestpassage? Wird mittlerweile ganz regulär von Kreuzfahrtschiffen befahren.

Das heißt jedoch nicht, es gäbe für heutige Forscher auf den Weltmeeren nichts mehr zu entdecken. Im August starteten gleich zwei Expeditionen Richtung Nordpazifik. Ihr Forschungsgegenstand ist ebenso ungewöhnlich wie unheimlich: im Meer treibender Plastikmüll. Seine Position: ein riesiger Strudel im Gebiet zwischen Hawaii und der kalifornischen Küste, der sich langsam im Uhrzeigersinn dreht wie über einem gigantischen Abfluss. Nur dass hier nichts abfließt. Im Gegenteil, die Meeresströmungen ziehen immer neues Plastik an.

Die als Nordpazifikwirbel bekannte Strömung entsteht, weil über diesem Teil des Ozeans häufig ein Hochdruckgebiet liegt, von dem aus die Luft in Regionen mit niedrigerem Druck strebt. Die Erdrotation lenkt diese Luftbewegung ständig nach rechts ab. Der Ozeanograph Pete Davidson erklärt: „Die rotierenden Winde schieben immer neues Wasser in die Mitte der Konvergenzzone. Wasser, das dort zuvor war, sinkt deshalb ab und lässt schwimmendes Material wie Plastik an der Oberfläche zurück. Das 'neue' Wasser bringt neues Plastik in die Konvergenzzone. Und genau deshalb sammelt es sich dort“ – der größte Müllhaufen der Erde.

Davidson ist einer der Wissenschaftler der Universität San Diego, die an Bord des Forschungsschiffs „New Horizon“ den Müllstrudel durchquert haben. Reihum haben er und seine Kollegen vom Forschungsprojekt „Seaplex“ während der Expedition ein Internet-Tagebuch mit Texten und Bildern gefüttert und das Thema ein wenig greifbarer gemacht. Zeitgleich fuhr von San Francisco aus ein Segelschiff der internationalen Umweltorganisation „Kaisei“ in die gleiche Region. An Bord waren Wissenschaftler, Meeres-Liebhaber, Seeleute und Utopisten, die davon träumen, den Pazifik zu entgiften, das Plastik zu recyceln und Dieseltreibstoff daraus zu machen.

Man darf sich den Plastikstrudel nicht wie einen dichten Teppich oder eine aufgetürmte Insel vorstellen. Auf Satellitenfotos ist er nicht einmal zu sehen. Zwar holten die Wissenschaftler ganze Kanister, Plüschtiere oder Fischernetze aus dem Meer, doch der größte Teil des Mülls wurde von der Sonne versprödet und von Wind und Wasser zerrieben. Den Plastikmüll im Nordpazifik beschreiben die Forscher eher als eine Art Suppe, in der lauter kleine Kunststoffbröckchen schwimmen. Die oft veröffentlichten Fotos großer treibender Plastikschollen wirken zwar auf den ersten Blick spektakulärer als die Abermillionen kleingeriebener Müllkugeln, sie sind aber irreführend.

Dass die Kunststoffsuppe kaum wahrnehmbar ist, macht die Sache nicht weniger unheimlich. Sie ist auch nicht klar umgrenzt. Die Größe des Areals, in dem der Müll schwimmt, wird auf 700.000 bis eine Million Quadratkilometer geschätzt – doppelt so groß wie die Ostsee.Millionen Tonnen Müll verteilen sich dort mit einer Konzentration von rund 13.000 Bröckchen pro Quadratkilometer. Am 14. Tag der „New Horizon“-Expedition beschreibt Davidsons Kollegin Miriam Goldstein die gewaltige Ausdehnung: „Auf den letzten tausend Meilen haben wir jedes Mal, wenn wir unser Spezialnetz ausgeworfen haben, Plastik herausgefischt.“ Bis zu einer Tiefe von etwa zehn Metern treiben die Bröckchen. Die feine Verteilung der Unmengen lässt gar nicht erst die Illusion aufkommen, man könne das Zeug mit irgendwelchen technischen Hilfsmitteln zusammenschieben und einsammeln. Ohnehin würde ein Netz, das engmaschig genug wäre, alle Organismen mit abfischen, die so groß wie eine Erbse sind – oder noch kleiner. So ist denn eine Lösung des Müllproblems noch immer nicht in Sicht.

Die Besatzungsmitglieder der „New Horizon“ sind nicht die ersten Menschen, die den Plastikmüll im Nordpazifik zu sehen bekommen. Entdeckt wurde der pazifische Müllhaufen von Charles Moore, einem Chemiker und Segler, der 1997 auf dem Rückweg von einer Regatta von Hawaii aus eine Abkürzung durch die oft windarme Gegend nahm. Moore war von dem Unrat, der ihn umgab, so beeindruckt, dass er aus eigener Tasche ein wissenschaftliches Institut zu seiner Erforschung gründete. Seitdem hat er den Strudel selbst immer wieder befahren und in zahllosen Fachartikeln und Vorträgen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gehoben.

Moore zeigt bei seinen Vorträgen auch Fotos von verendeten Seevögeln, zum Teil schon verweste Reste, in deren Mitte ein buntes Häufchen Plastikkrümel übrig geblieben ist. Das ist der Mageninhalt. Die Vögel verwechseln die Bröckchen mit Nahrung. Viele magern ab, weil sich in ihrem Verdauungstrakt ein trügerisches Sättigungsgefühl einstellt. Fischen und sogar Quallen geht es nicht anders. Für sie sieht der Müll wie Plankton aus. Das Fatale: In der Nähe der Oberfläche kommt im Nordpazifikstrudel inzwischen mehr Plastik vor als Plankton. Und seine Dichte steigt unaufhörlich: In den Weltmeeren treibt Jahrzehnte alter Müll, und ständig kommt neuer dazu. Mitarbeiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) schätzen, dass weltweit jährlich 225 Millionen Tonnen Plastik produziert werden. 80 Prozent des Mülls gelangen vom Land aus ins Meer, als Abfall an Küsten oder über Flüsse. 20 Prozent stammen aus Schiffsabfällen.

Die Wissenschaftler an Bord der „New Horizon“ erhoffen sich von ihrer Expedition Aufschluss über ein chemisches Problem, dessen Auswirkungen bislang wenig erforscht sind. Die Plastikpartikel im Meer binden nämlich Giftstoffe wie DDT und PCB, die mit Industrieabwässern und Rückständen aus der Landwirtschaft ins Meer gelangen. Wenn diese Partikel von kleinen Meerestieren, Muscheln oder Fischen für Nahrung gehalten werden, gelangen die Gifte aus Pestiziden und Flammenschutzmitteln über diesen Umweg auch in die menschliche Nahrungskette.

Forscher, die sich mit Umweltkatastrophen befassen, entwickeln oft eine erstaunliche Abgebrühtheit. So schreibt Miriam Goldstein im Seaplex-Blog: „Die meisten Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, verstehen nicht, warum der Müll in den Meeren eine so große Aufmerksamkeit erregt.“ Es gebe so viele schlechte Nachrichten – das Sterben von Korallenriffen oder die drohende Ausrottung der Haie – was kümmere die Menschen da ein bisschen Müll in einem Teil des Ozeans, den kaum einer jemals zu Gesicht bekommt? An Bord der „New Horizon“ hat sie jetzt eine Ahnung bekommen, wo die Antwort liegen könnte. Sie schreibt: „Die Menschen wollen Gewissheit, dass es irgendwo da draußen noch Wildnis gibt. Doch wenn selbst die offene See keine Wildnis mehr ist, wo soll es sie dann noch geben?“

Martin Kaluza

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