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Die Geisterstädte in der Atacama-Wüste

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Im Norden Chiles kann man verlassene Städte aus der Salpeterzeit besuchen. Eine davon nutzte Pinochet als Gefangenenlager. Ein Besuch vor Ort. (Deutschlandfunk 2006)

Roberto

Roberto Zaldívar:

Manchmal kommen aufmerksame Menschen, drehen eine Runde, sehen sich um und fragen mich, „sag mal, wer singt eigentlich da hinten?“ Ein unsensibler Mensch würde antworten, „da ist niemand, sie hören das Gras wachsen.“ Aber es gibt diese Stimmen. Sind es Stimmen von Gespenstern? Natürlich nicht. Sie sind in den Wänden aufgezeichnet. Der Schlamm, aus dem diese Wände gemacht sind - woher kommt er? Aus den Bergen. Aus den Kordilleren. Wenn es regnet und gewittert, enthält der Schlamm, der über metallischen Zonen liegt, alle die Elemente, die ein magnetisches Tonband enthält. Deshalb. Manchmal hört man Geräusche wie einen Windstoß – Musik, ein Stück eines Liedes. Das sind keine Gespenster, es sind einfach Aufnahmen, die sich lösen.

Die glatt geteerte Straße führt schnurgerade durch die Atacama-Wüste im Norden Chiles. Zu beiden Seiten der Panamericana zieht sich hier eine Ebene aus Sand und Geröll hin. Richtung Osten wird sie überragt von der Anden-Kordillere. Nicht ein Strauch ist in Sicht. Zwischen den großen Städten Iquique und Antofagasta taucht nur alle 50 Kilometer mal eine kleine Ortschaft auf, eigentlich nur ein paar Häuser. Das war einmal ganz anders.

Vor achtzig Jahren reihte sich hier eine Siedlung an die andere. Ende des 19. Jahrhunderts schossen Mienenstädte aus dem Boden, die Arbeiter aus aller Welt anzogen. Chile hatte die Region gerade im pazifischen Krieg erobert und sich damit reiche Bodenschätze gesichert: Vor allem Salpeter. Überall hier wurde er im Tagebau gewonnen. Chile exportierte in alle Welt. Salpeter diente als Dünger und zur Herstellung von Sprengstoff.

Der Salpeter-Boom war nur von kurzer Dauer. Deutschland, einer der Hauptabnehmer, durfte während des Ersten Weltkriegs nicht mehr beliefert werden und erfand kurzerhand die künstliche Salpeterherstellung. Das war das Ende für die meisten Mienen in der Atacama-Wüste. Die Arbeiter zogen weiter, zurück blieben Wohngebäude, Freizeiteinrichtungen und Industrieruinen – komplette Kleinstädte. Heute sind von den meisten Orten nur noch Mauerreste zu sehen. Schwer zu finden sind die Ruinen nicht: Sie liegen aufgereiht an den großen Landstraßen, an der Panamericana zwischen Antofagasta und Iquique sowie auf dem Weg nach Calama. Ausgebleichte blaue Schilder am Straßenrand weisen auf die Siedlungen, „Oficinas“ genannt, hin.

Direkt an der großen Abzweigung, die von der Panamericana zur Hafenstadt Iquique führt, liegt die „Oficina Humberstone.“ Die Salpetermiene war mit Unterbrechungen von 1872 bis 1960 in Betrieb und ist außergewöhnlich gut erhalten: ein Tennisplatz, eine Kirche, ein Theater, Industrieanlagen mit Schornstein und am Rand der Siedlung: ein Schwimmbad, zusammengenietet aus einem Schiffsrumpf, mit Sprungturm und Tribünen. Mitten in der Wüste.

In einem Gebäude hat Julio Validiva ein kleines Büro eingerichtet, auf dem Tisch steht ein Funkgerät.

Julio Valdivia:

Letztes Jahr hatten wir 4.000 Besucher aus dem Ausland. Viele von ihnen waren Rentner – Deutsche, Franzosen, Engländer, Japaner. Es ist fast ein bisschen peinlich, aber diese Sachen gefallen Leuten aus dem Ausland, vor allem ehemaligen Ingenieuren. Es macht mir ein bisschen Sorgen, dass unsere Jugend sich nicht so dafür interessiert.

Valdivia ist Leiter des Salpeter-Museums Humberstone. Hier haben ehemalige Salpeterarbeiter („Pampinos“) die Sache selbst in die Hand genommen. Sie haben das Gelände ersteigert, vor kurzem als Museum wiedereröffnet und erreicht, dass es im vergangenen Jahr in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Noch vor einigen Jahren war die Siedlung in Privatbesitz, und Besucher mussten sich durch ein Loch im Zaun zwängen. Heute gibt es organisierte Führungen, Gebäude werden restauriert. Hin und wieder werden die Passagiere von Kreuzfahrtschiffen von Iquique aus hier hochgefahren.

Julio Valdivia ist selbst in einer Salpeter-Stadt geboren und hat in vielen gelebt – auch in Humberstone. Gearbeitet hat er in der Pulpería, im Laden, der auch heute noch erhalten ist. Als Don Julio noch ein Kind war, wurden die Arbeiter vielerorts noch mit „Fichas“ bezahlt. Das waren Blechmarken, mit denen sie nur in der eigenen Siedlung bezahlen konnten.

Julio Valdivia:

Die Fichas waren für die Firmen ein gutes Geschäft. Es gab welche, die gaben zu, dass sie mit den Läden für die Arbeiter mehr verdienten als mit dem Salpeter. Im Laden war ein Kilo nie 1000 Gramm, sondern 800 oder 900. Der Wein war kein reiner Wein, sondern mit Wasser gestreckt.

Seit ein paar Jahren kennen die meisten Chilenen Humberstone vor allem als Kulisse der Telenovela „Pampa Ilusión.“ Das Fernsehen hatte damals einige Gebäude rund um den Platz restauriert. Sie sehen wieder aus wie neu.

Chacabuco Fenster Chacabuco

Wir lassen Humberstone hinter uns und fahren nach Süden, manchmal begleitet von langen Güterzügen. Sie transportieren Kupfer aus einer der zahlreichen Minen Richtung Hafen. Etwa eine Stunde vor der Antofagasta erreichen wir die Oficina Chacabuco, eine besondere Geisterstadt. Auch hier sind viele Gebäude und ein großes Theater zu sehen, das Gerippe eine Fabrikhalle. An der Abfahrt steht ein Schild: „Vorsicht! Vermintes Gebiet!“

Am Eingang empfängt uns Don Roberto. Er ist der einzige Bewohner von Chacabuco. Vor achtzig Jahren lebten hier noch 10.000 Menschen vom Salpeterabbau. 1938 wurde die Miene geschlossen, und später funktionierte Pinochet die verlassene Stadt zum Gefangenenlager um. Roberto Zaldívar, heute 79 Jahre alt, war selbst einer der politischen Gefangenen. 1992 ist er zurückgekehrt, um den Besuchern zu erzählen, was es mit dem Ort auf sich hat.

Roberto Zaldívar:

Ein Jahr lang bestand das hier, von unmittelbar nach dem 11. September 1973 diente der Ort als Konzentrationslager und wurde Ende 1974 wieder geschlossen. Hier haben sie uns hergebracht, einige von uns brachten sie im Flugzeug aus Santiago, aus dem Estadio de Chile, dem Stadion, und dann mit dem Bus nach Chacabuco. Wir wussten das nicht. Uns hat keiner gefragt, „wollen Sie nach Chacabuco?“ Chacabuco, Chacabuco... . Als wir hier am Salzsee vorbei kamen, hielten Sie an und sagten: „Macht Euch bereit, denn wir werden Euch alle umbringen!“

Manchmal wird Don Roberto gefragt, ob er denn Masochist sei, an dem Ort zu leben, an dem er einst gefangen war. Doch er sieht es als seine persönliche Aufgabe, den Ort vor der Vergessenheit zu bewahren. Anders als in Humberstone gibt es hier keinen Verein, der ein Museum gegründet hätte. Vor mehr als zehn Jahren wurde das Theater mit Mitteln aus Deutschland renoviert. Das Goethe-Institut stellte außerdem Informationstafeln und ein paar Solar-Laternen auf. Doch die Laternen funktionieren schon lange nicht mehr, es gibt kein fließend Wasser und keine Toiletten. Die Pläne, Chacabuco zu einem Anlaufpunkt für Touristen zu machen, zu einer Gedenkstätte, liegen in irgendeiner Schublade.

Wer ein paar Stunden bleibt, um durch die Straßen zu laufen, trifft kaum andere Besucher. Auch wenn hier keine Geisterstadt stehen würde, wäre der Ort faszinierend. Nicht eine Maus läuft durch die Häuser, nicht eine Spinne. Jenseits der Häuser liegt die Wüste, der weite Blick Richtung Anden. Mit der Tageszeit wechseln die Farben.

Roberto Zaldívar:

Manchmal hört man Geräusche wie einen Windstoß – Musik, ein Stück eines Liedes. Das sind keine Gespenster, es sind einfach Aufnahmen, die sich lösen. Und geschickt wie der Mensch ist, wird er vielleicht eines Tages eine Maschine entwickeln, die diese Wände abtastet, um alle die Geräusche herauszuholen, die darin stecken – und so die Geschichte rekonstruieren.

Text und Fotos: Martin Kaluza

 

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