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Die 99-Prozent-Analog-Männer

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Die Musiker und Labelbetreiber Gabriel Roth und Neal Sugarman haben lange an einem Sound gearbeitet, der klingt wie früher. Der Erfolg von Sharon Jones und Amy Winehouse gibt ihnen Recht (tools 4 music 2010)

Ein bisschen ist den beiden die Anspannung vor dem Tourauftakt anzumerken. Gerade noch standen der Bassist Bosco Mann, der eigentlich Gabriel Roth heißt, und der Saxophonist Neal Sugarman zum Soundcheck auf der Bühne des "Astra Kulturhaus" in Berlin. Am Abend werden sie mit ihrer Band "The Dap-Kings" und der Sängerin Sharon Jones auftreten. Band und Sängerin sind schon seit zehn Jahren zusammen im Geschäft, und mit jedem Jahr nimmt die Sache an Fahrt auf. Derzeit ist Sharon Jones mit dem Woody Guthrie-Cover "This Land is Your Land" im George Clooney-Film "Up in the Air" zu hören. Ihr Markenzeichen ist ein Soul-Sound, der Ersthörer grübeln lässt, ob sie vielleicht auf lange verschollenes Material aus der Motown-Zeit gestoßen sind.

Roth und Sugarman spielen nicht nur zusammen in der Band, sie haben sich in Brooklyn auch ein eigenes kleines Studio eingerichtet und die Plattenfirma Daptone Records gegründet. Die Dap-Kings sind die Hausband, und praktisch alle Platten des Labels haben diesen eigentümlich alten Sound. Richtig bekannt wurde das Studio, als Mark Ronson dort mit der Hausband einige Stücke für Amy Winehouse aufnahm – unter anderem den Hit "Rehab".

Über das Studio kursieren viele Gerüchte. Von außen ist es ein typisches Brownstone-Haus in Brooklyn, der Aufnahmeraum ist in Eigenarbeit eingerichtet, der Raum im Raum soll auf alten Reifen ruhen. Und es gibt keinerlei Digitalequipment. Es scheint, als hätten diese Jungs eine Mission.

 

Ihr seid hier heute nicht einfach Begleitmusiker von Sharon Jones, sondern soetwas wie die Masterminds hinter dem Sound der Band.

Gabriel Roth: Ich weiß nicht, ob Mastermind das richtige Wort ist. Ich schreibe viele Songs, ok. Bei der ersten Platte, die wir vor zehn Jahren gemacht haben, hatte ich diese Vision eines Sounds und wollte all die Musiker zusammen zu bringen, mit denen ich schon immer gerne gearbeitet hatte. Aber seitdem ist es zu einem regelrechten Familienunternehmen geworden, in dem alle mit anpacken und für das alle Songs schreiben. Mit anderen Worten: nein.

Also keine Masterminds...

Neal Sugarman: An dieser Stelle würde ich gern unterbrechen. Gabe ist da vielleicht ein bisschen zu bescheiden. Er hat die Platte produziert, er hat sie aufgenommen und er hat vielen der beteiligten Musiker das ganze Konzept erklärt. Die Band hat eine sehr eigene Art hat zu spielen, ein ganz bestimmtes Genre. (wendet sich Roth zu) Und das hat natürlich viel mit deinen technischen Fähigkeiten zu tun, mit der Art, wie du das Studio aufgebaut hast.

Gabriel Roth: Es hat zum Teil damit zu tun. Aus meiner Sicht ist das wichtigste aber, dass hier eine Gruppe von Musikern zusammen ist, die einen gemeinsamen Sound hat.

Der Sound eigentlich aller eurer Platten hat einen hohen Wiedererkennungswert. Wie bekommt ihr ihn hin?

Gabriel Roth: Im Studio haben wir einen ziemlich traditionellen Ansatz. Wir wollen den Sound der Instrumente und der Musiker möglichst natürlich auf Band bringen. Wir versuchen, bestimmte Vibes und Spontanität einzufangen und suchen nicht unbedingt soundtechnische Perfektion. Wir wollen die Instrumente bei der Aufnahme auch gar nicht erst trennen und dann neu kalibrieren. Wir benutzten keine Computer und solche Sachen. Aber vor allem kommt es uns darauf an, dass die Musiker gemeinsam live spielen. Eigentlich ist es eine recht simple Herangehensweise, die bis vor kurzem gar nichts Außergewöhnliches war. Heutzutage, wo alle mit Computern aufnehmen und die Spuren der anderen nur über Kopfhörer hören, ohne wirklich mit ihnen zusammen zu spielen, ist es erst zu etwas Besonderem geworden. Es scheint schon fast reaktionär. In Wirklichkeit ist das, was wir machen, aber ein einfaches, traditionelles Vorgehen, das lange praktiziert wurde. Die Leute gehen ins Studio und machen zusammen Musik.

Neal Sugarman: Auf diese Weise wurden schon viel mehr Platten aufgenommen als mit modernem Digitalequipment.

Es heißt, das einzige digitale Gerät in eurem Studio sei ein CD-Spieler. Ist das ein Mythos?

Gabriel Roth: Wir haben einen CD-Brenner.

Neal Sugarman: Er ist das Ding, das am meisten kaputt geht.

Gabriel Roth: Er funktioniert praktisch nie.

Euer Sound klingt wie der Soul-Sound Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre...

Gabriel Roth: Wir haben den Soul-Sound von 2010, Mann. We've got a right-now-sound!

Seht ihr euch demnach als zeitgenössische Musiker, die diesen speziellen Sound brauchen, um ihre Ideen umzusetzen?

Gabriel Roth: Ich glaube, viele Leute verwechseln den Zweck und die Mittel. Viele glauben, wir würden eine Platte aufnehmen, um einen bestimmten Sound nachzuahmen. In Wirklichkeit haben wir aber einen bestimmten Sound, weil wir eine Platte aufnehmen. Jeder hört Musik anders, jeder hat andere Einflüsse. Wir mögen eine Menge alte Platten, weil die Musik gut klingt. Und wir versuchen Musik aufzunehmen, die gut klingt. Einem klassischen Pianisten sagt auch niemand: Warum bist du so old school? Warum spielst du immer nur dieses Zeug von Bach? Warum spielst du nicht John Cage oder irgendwas Zeitgenössisches? Der Punkt ist: Es geht nicht darum, immer das neueste Ding zu machen. Wir sehen uns nicht als Erfinder. Wir sehen uns als Leute, die Musik lieben. Deshalb machen wir die Art Platten, die wir gern hören.

Aber bleiben wir mal beim Jahr 1970...

Neal Sugarman: Es stimmt schon, dass wir aus dieser Zeit mehr Musik hören als aus anderen Phasen.

Aus Sicht eines Produzenten: Was lief danach denn schief?

Gabriel Roth: Es ist ein bisschen komisch, was als Fortschritt gilt. In den zwanziger und dreißiger Jahren war die Musik auf Aufnahmen nicht richtig zu hören. Sie klang nicht so wie die Musik in einem Raum klang. Mit den Jahren erzielte man gewisse Fortschritte darin, einzelne Instrumente hörbar zu machen, das Rauschen zu verringern und das Klangbild zu verbessern. Dadurch wurde es leichter, die Musik zu hören und zu genießen. Der technologische Fortschritt kam der Musik zugute. Doch das gilt meiner Meinung nach nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn ich eine Platte von Otis Redding höre, denke ich nie: "Mann, das ist super, aber es könnte noch viel besser sein, wenn man damals eine bessere Aufnahmetechnik gehabt hätte." Es klingt einfach gut und Punkt. Im Namen des Fortschritts wurde immer mehr Zeug verkauft. Wenn 16 Spuren gut sind, müssen 24 besser sein. Und wenn 24 gut sind, müssen hundert besser sein. Das hat dazu geführt, dass die Musik isoliert wurde, und sie hat an Lebendigkeit verloren. Aber ich will gar nicht sagen, dass es heute keine gute Musik gäbe. Das ist Geschmackssache.

Neal Sugarman: Nimm zum Beispiel das Schlagzeug. Wir nehmen es gern als ein Instrument auf, nicht als eine Vielzahl von Instrumenten. Und ich als Saxophonist kann mir kaum noch vorstellen, Bläsersätze wieder mit vier oder fünf Mikros aufzunehmen. Wenn wir die Bläser mit nur einem Mikro aufnehmen, haben wir viel mehr Kontrolle über den Sound. Wenn wir ohne Gabriel Sessions für andere Labels als Daptone aufnehmen und die Spuren dem Producer schicken, wissen wir: Es klingt so wie uns das gefällt, und er kann es nicht in etwas anderes umbiegen, das wir nicht mögen.

Gabriel Roth: Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn die Bläser mit einem Mikro aufgenommen werden, haben sie die Kontrolle über den Mix. Und wenn das Schlagzeug nur mit einem Mikro aufgenommen wird, hat der Schlagzeuger die Kontrolle über seine Dynamik. Wenn du viele Mikros und viele Spuren hast, überlässt du die Kontrolle Toningenieuren und Produzenten, die einen Monat, sechs Monate oder ein Jahr später den Sound manipulieren.

Wie verändert ihr den Bläsersound? Indem ihr euch unterschiedlich zu dritt um das Mikro positioniert?

Neal Sugarman: Erstens das, und zweitens können wir uns auf den Tontechniker verlassen. Gabriel sagt uns zum Beispiel je nach Song: "Bariton ein Schritt zurück", "Trompete zwei Schritte zurück".

Gabriel Roth: Das gilt auch innerhalb eines Songs, von einem Part zum nächsten. Zum Beispiel: "Diese Harmonie in der Bridge sticht zu sehr hervor, spielt das etwas ruhiger". Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man Musik bereits im Aufnahmeprozess gestaltet oder ob man sie erst aufnimmt und dann gestaltet.

Neal Sugarman: Wenn wir es uns dann gemeinsam anhören und nicht jeder damit zufrieden ist, nehmen wir es noch einmal neu auf. Die alten Aufnahmen behalten wir dann auch nicht, das würde nur Verwirrung stiften.

Würdet ihr sagen, dass eure Art zu produzieren auch Einfluss auf das Songwriting hat?

Gabriel Roth: Man kann es nicht voneinander trennen. Ich habe da viel Lehrgeld gezahlt. Ich habe versucht, Platten zu mischen, bei denen die Arrangements nicht stimmten, bei denen zu viel passierte. Ein diszipliniertes Arrangement, das Raum lässt, kommt dem Mix zugute. Wenn dein Arrangement überladen ist, kann du es unmöglich mixen. Du denkst: "Ich mag diesen Gitarrenpart, aber diesen anderen auch. Kann ich beide hochziehen oder irgendwie im Panorama verteilen?" Dann bekommst du diese flachen, überladenen Mixe. Eine gute Idee ist besser als ein Haufen guter Ideen. Wenn du ein Motiv, eine Melodie hast, die sich durchsetzt, funktioniert der Song besser. Es wird dadurch auch technisch einfacher, das zu mischen. Die neue Platte stellt für uns einen Fortschritt dar, weil die Band viel disziplinierter spielt und einfach noch mehr Raum lässt.

Ihr sagtet ja, dass Kontrolle für euch im Studio ein wichtiges Thema ist. Wie sieht es denn live aus? Müsst ihr eure eigene PA mit auf Tour nehmen, um den Sound zu bekommen, den ihr wollt?

Neal Sugarman: Da überschätzt du die Bedeutung, die das Equipment für uns hat. Eine gewisse Haltung ist viel wichtiger als die technische Ausstattung. Das gilt auch im Studio. Bei den Liveshows haben wir kein eigenes Equipment dabei. Wir reden viel mit dem Soundmann und erklären ihm genau unsere Vorstellungen.

Gabriel Roth: Es ist ein Mythos, dass wir so viel Vintageequipment hätten und dass wir uns streng auf analoges Zeug und Röhrentechnik beschränken würden. Wir haben Studioequipment aus allen möglichen Jahrzehnten, und das meiste ist wahrscheinlich aus den achtziger Jahren. Wir haben auch Sachen aus den Neunzigern oder ganz neue Geräte. Wir haben keine digitalen Geräte, aber wir haben Mikros und Mischpulte aus den Achtzigern. Eine der Bandmaschinen, mit der wir schon mehrere Platten aufgenommen haben, ist aus den Achtzigern. Im Recording gibt es viel Fetischismus. Aber wie Neal sagt, vom Equipment hängt gar nicht so viel ab. Letztlich kommt es auf deine Ohren an, die sind das wichtigste Werkzeug. Wenn du zu viel Bass hast, drehst du den Bass runter, egal, mit welchen Mikros du ihn aufgenommen hast.

Neal Sugarman: Wir haben auf einigen Stücken des neuen Albums den Bläsersatz mit richtig billigen Mikros eingespielt, die vielleicht 20 oder 30 Dollar gekostet haben.

Gabriel Roth: Wir haben sie mit einem billigen, zerbeulten Reslo-Mikro aufgenommen, nicht weil es ein besonders gutes Mikro wäre, sondern weil es in diesem Kontext, in diesem Raum und mit diesen Bläsern am besten funktioniert hat.

Was würdest du denn sagen ist der wichtigste Bestandteil eures Sounds?

Gabriel Roth: Es sind die Musiker. Wenn du andere Musiker in unserem Studio aufnimmst, wird es nie so klingen wie wir. Von der Aufnahmetechnik her würde ich vielleicht sagen, dass wir weniger Mikros benutzen und sie weiter von den Musikern entfernt aufstellen. Ein bisschen Federhall ist dabei, und wir nehmen mit Bandmaschinen auf.

Neal Sugarman: Wenn jemand ein Haus baut, fragst du auch nicht danach, welches Werkzeug er benutzt hat.

Gabriel Roth: Selbst wenn du ein großartiges Bändchenmikrophon aus den vierziger Jahren hast, und du machst damit eine großartige Saxophonaufnahme, dann ist es nicht das Mikro das gut klingt, sondern der Saxophonist. Wir machen im Studio viele Blindtests mit Mikros. Manchmal leihen wir uns ein 4000-Dollar-Mikro, wir haben vielleicht noch ein 50 Jahre altes Vintage-Mic und vergleichen sie mit einem SM57 und einem 12-Dollar-Radio Shack-Mikro. Das hören wir uns dann an ohne zu wissen, welches auf welchem Kanal ist. Dadurch ändert sich die Perspektive auf die Musik, du denkst gar nicht erst: "Oh, das muss ich mit dem schönen Vintage-Mic aufnehmen." Deswegen gibt es auch so viele hervorragende blinde Musiker. Sie lassen sich nicht so leicht durch Zeug ablenken, das nichts mit der Musik zu tun hat.

Interview: Martin Kaluza

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