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Der Weg nach ganz oben

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Karriereoptimierung jenseits des Leistungsprinzips: Feierabendbier, aufgeräumter Schreibtisch, hohe Stirn, Elternhaus. Ein Vier-Stufen-Plan für den beruflichen Erfolg. (taz 2004)

Leistung im Beruf wird belohnt, hört man zumindest immer wieder. Unternehmen fordern in Stellenausschreibungen neben dem üblichen Blabla mit Vorliebe Leistungsbereitschaft, nicht ohne gleichzeitig auf die Perspektiven hinzuweisen, die dem Mitarbeiter bei entsprechenden Arbeitsresultaten offen stünden. Wissenschaftliche Studien zeigen indessen: Wege zum Erfolg gibt es viele. Und man muss es nicht gleich mit blinder Arbeitswut versuchen. Betrachten wir ein paar Forschungsergebnisse und zimmern uns dann ein eigenes Bild. Am Ende wird ein vierstufiger Karriereplan stehen, der sich gewaschen hat.

Wissenschaftler der Universität Stirling in Schottland haben herausgefunden: Ob Ihnen Erfolg im Beruf beschieden ist, hängt davon ab, wie trinkfest Sie sind. Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die mit ihren Arbeitskollegen "moderat, aber regelmäßig" trinken, im Schnitt 17 Prozent mehr verdienen als Abstinenzler. Der gemeinsame Gang in die Kneipe fördere nämlich Vertrauen und Kameradschaft.

Starke Trinker haben gegenüber moderaten zwar einen leichten Nachteil. Allerdings lohnt sich offenbar selbst das kräftige Zulangen an der Theke. Denn auch das Durchschnittsgehalt exzessiver Trinker liegt der Studie zufolge immer noch fünf Prozent über dem der Antialkoholiker. Die Wissenschaftler hatten 17.000 Menschen befragt, die alle in derselben Woche geboren wurden und zum Zeitpunkt der Studie 45 Jahre alt waren. Eindeutiges Fazit: Wer öfter in die Wirtschaft geht, dem geht es wirtschaftlich besser. Dem kommen wir nur zu gern nach und setzen damit bereits Stufe 1 unseres Plans um. (Nebenbei: eine Qualifikation, die man auch als Arbeitsloser in Eigeninitiative erwerben kann).

Aber es wäre natürlich gelogen, behauptete man, eine glänzende Laufbahn ließe sich allein auf Alkohol aufbauen. Wer aufsteigen will, braucht außerdem einen aufgeräumten Schreibtisch. Auch das ist inzwischen erwiesen: Der beliebte Kniff, mit einem chaotischen Schreibtisch Geschäftigkeit vortäuschen, zieht offenbar doch nicht. Jeder zweite Chef glaubt, dass sich hinter einem voll geschichteten Arbeitsplatz ein unzuverlässiger und unprofessioneller Mitarbeiter verbirgt. Wer seine Vorgesetzten beeindrucken will, sollte darauf achten, dass die Tischplatte einen geordneten Eindruck macht. Glaubt man einer Umfrage der Universität Manchester (und welcher Umfrage glauben wir nicht?), bevorzugen zwei von drei Führungskräften Mitarbeiter mit aufgeräumtem Schreibtisch. Nichts leichter als das. Alte Büroregel: Unangenehme Vorgänge besser gleich in die "Ablage P". Bevor der Chef etwas davon merkt.

Damit ist Stufe 2 unseres Plans gezündet. Zusammen mit den Kneipenbesuchen müsste es schon bald in der Lohntüte klingeln. Doch das Geld sollten wir nicht gleich auf den Kopf hauen - maßhalten ist gefordert und gezieltes Investieren. Denn es geht noch besser, noch erfolgreicher. Nämlich so:

Wie die Onlineausgabe eines Offline-Nachrichtenmagazins berichtete, hat die Mannheimer Doktorandin Anke von Rennenkampff festgestellt, dass sich Personaler bei Einstellungen unbewusst nach dem Äußeren der Bewerber richten. Die Forscherin fand heraus, dass Bewerber mit typisch männlichem Aussehen häufig bevorzugt werden. Dies gelte nicht allein für Männer, sondern auch für Frauen - ein kantiges Kinn, breite Schultern und eine hohe, etwas eckige Stirn sind gute Voraussetzungen.

BewerberInnen, die ein rundes Gesicht mit weichen Zügen und Stupsnase haben, müssen im Bewerbungsgespräch mit kritischeren Fragen rechnen. Auf der anderen Seite haben sie dann Vorteile, wenn eine "kommunikative, zuhörende, vermittelnde Persönlichkeit" gesucht wird. Doch wer sucht die schon? Also besser selbst aktiv werden: Eine auf rosa Papier erscheinende Wirtschaftszeitung berichtete nämlich unlängst, dass sich vor allem die Schönheitschirurgen über die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt freuen dürften. Sie zitiert den Dankesbrief eines frisch beförderten Bankangestellten an seinen Chirurgen. Und Werner Mang, Chefarzt einer chirurgischen Klinik am Bodensee, der bereits zu einem Fünftel männliche Patienten auf dem Tisch liegen hat, darunter Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte, sagte dem Blatt: "In den Unternehmen herrscht offenbar ein ziemlicher Druck." Wir halten fest: Stufe 3: Kantiges Aussehen. Das ist nicht ganz so günstig zu haben wie die Tabula Rasa und die Kneipengänge, aber im Prinzip machbar. Und es geht noch besser. Bis hierher sind wir nämlich nur mittlere Führungsebene. Jetzt geht es ran an die Topetagen.

Der Soziologe Michael Hartmann hat die Lebensläufe von Leuten mit Doktortitel untersucht und die Ergebnisse unter dem Titel "Der Mythos der Leistungsgesellschaft" veröffentlicht. Er stellte fest, dass für das Erreichen von Spitzenpositionen offenbar die soziale Herkunft eine wichtigere Rolle spielt als Arbeitsergebnisse. Die Top-Karrieristen kommen überproportional häufig aus dem gehobenen und Großbürgertum oder entstammen gleich dem Adel (vielleicht ist das gemeint, wenn in Anzeigen immer von "Exzellenz" die Rede ist). Wir wissen spätestens seit Frédéric Prinz von Anhalt: auch die soziale Herkunft kann man kaufen, und notieren für Stufe 4 unseres Plans: Rechtzeitig nach einer passenden Adoptivfamilie umschauen!

So langsam ergibt sich also ein scharfes Bild: Die Unternehmen suchen vor allem trinkfeste Aristokraten oder Großbürger mit kantigen Gesichtszügen und leerem Schreibtisch. Die sollen sie bekommen. Für uns bedeutet das insgesamt nicht wenig Aufwand, aber so ist das ja ohnehin meistens bei der ganzen ollen Karriereoptimierung: Wer sich da richtig reinhängt, hat praktisch gar keine Zeit mehr, nebenher auch noch irgendwas zu leisten. Und das wird ja auch gar nicht verlangt.

Martin Kaluza

 

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