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Der Pate I - III

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Der Clubpräsident von Atlético Madrid ist ein Choleriker, ein Größenwahnsinniger, ein Vorbestrafter und ein Rechtspopulist. Gerade wurde er wieder zu einer Haftstrafe verurteilt. Schlaglichter einer Karriere. (11 Freunde 2003)

Jesús Gil y Gil ist ein Mann mit Gerichtserfahrung. “Wieviele Verfahren gegen mich laufen, ist mir scheißegal, darum kümmern sich meine Anwälte,” hat er einmal gesagt. Auf über 80 Prozesse soll Gil es in seiner Laufbahn bereits gebracht haben. Am 14. Februar war es wieder soweit: Gil y Gil, Präsident und durch zweifelhafte Geschäfte auch Besitzer des spanischen Erstligisten Atlético Madrid, musste sich wegen Unterschlagung und Betrugs verantworten. Das Urteil des Nationalen Gerichtshofes in Madrid lautete auf dreieinhalb Jahre Haft. Allerdings muss er seine Strafe nicht absitzen. Gil und sein ebenfalls verurteilter Sohn Miguel Angel (bekam zweieinhalb Jahre) sowie Vereinsvize Enrique Cerezo (ein Jahr) legten zusammen mehr als 15 Millionen Euro an Kautionen hin. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Strafmaß von siebzehneinhalb Jahren gefordert.

Gil, dessen Nachname im Spanischen übrigens “Idiot” bedeutet, ist eine der fragwürdigeren Figuren, die sich auf der Bühne des europäischen Fußballs tummeln. Ende der Achtziger trat er als Retter des Arbeiterclubs aus Madrid ins Rampenlicht. Der Bauunternehmer und Immobilienkönig pumpte – so sah es zunächst aus – Millionen in den Verein, ließ sich als Präsident installieren und führte Atlético zu seinem neunten Meistertitel und drei Pokalsiegen. Seitdem hat er rund 30 Trainer gefeuert.

Als er den Verein übernahm, war Gil durchaus kein unbeschriebenes Blatt gewesen. 1969 saß er bereits einmal im Gefängnis. Gil hatte in der Nähe von Madrid eine Versammlungshalle ohne Architekten gebaut und dabei an der Statik gespart. 58 Menschen verloren beim Einsturz der Halle ihr Leben. Gil kam danach zwar ins Gefängnis, wurde jedoch nach 18 Monaten von Spaniens Diktator Francisco Franco persönlich begnadigt.

1991, gut zwei Jahre nach seinem Amtsantritt bei Atlético, wurde Gil zum Bürgermeister des Jet-Set-Städtchens Marbella an der Costa del Sol gewählt. Mit rechtspopulistischen Parolen wütet er seitdem durch die politische Szene Spaniens, beschimpft die Demokratie und verspricht, endlich mit den Kriminellen, den Nutten, mit den Bettlern und den illegalen Einwanderern aufzuräumen. Im Rathaus wurde er indes nur selten gesehen. Gil zog es vor, von seinem Firmensitz aus zu regieren – und das tat er, so sagen Beobachter, in der Manier eines römischen Volkstribuns.

Die gefühlte Unangreifbarkeit des zwielichtigen Cholerikers schlug unterdessen immer mehr in gelebten Größenwahn um. Dass Gil das Stadion Vicente Calderón einmal mit einem Krokodil an der Leine betrat, mag noch als mittelwitzige Schrulle durchgehen. Bedenklicher wurde es schon, als Gil sich 1998 für geschätzte 200 Millionen Euro einen ausrangierten Flugzeugträger der argentinischen Marine kaufte. Auf die Frage, warum er das getan habe, antwortete er knapp: “Ich hatte noch keinen.” Die “25 Mayor” war seinerzeit im Falkland-Krieg zum Einsatz gekommen. Im August 2001 schließlich berichtete die Zeitung “La Razón,” Marbellas Bürgermeister Jesús Gil y Gil fordere die Unabhängigkeit des Badeortes. Darüberhinaus gedenke er, eine eigene Währung einzuführen – den “Gil” nämlich – der selbstverständlich mehr Wert sein müsse als ein Dollar.

In seiner Zeit als Bürgermeister und Clubpräsident drehte Gil so viele krumme Geschäfte, dass der gelegentliche Zeitungsleser schnell den Überblick verlor, in welcher Untreue- oder Korruptionssache denn die Staatsanwaltschaft nun schon wieder ermittelte. Zwischen 1991 und 1995 soll Gil mit Geschäftsfreunden ein Netz von Scheinfirmen aufgebaut haben, das er mit öffentlichen Aufträgen versorgte, für die die Gemeinde zwar bezahlte, jedoch keine Gegenleistung bekam. Geschätztes Volumen der Veruntreuung: 30 Millionen Euro.

In anderen Fällen spielte auch der Fußballverein eine Rolle. So schloss der Bürgermeister des Badeortes Marbella mit dem Besitzer des Proficlubs Atlético Madrid einen Vertrag über Trikotwerbung in Höhe von 2,5 Millionen Euro ab. Da der Verein gerade knapp bei Kasse war, streckte ein Bauunternehmer einen großen Teil des Geldes vor und bekam es später verzinst zurück. Alle drei Beteiligten des Geschäfts waren Jesús Gil.

Selbst das Manöver, durch das Gil die Aktienmehrheit an dem Traditionsclub in seinen Besitz brachte, kam den Staatsanwälten spanisch vor. Die rund acht Millionen Euro hatte Gil bei der Übernahme des Clubs vermutlich nur zum Schein bezahlt. Gil, so heißt es, habe sich das Geld bei einer Sportverwertungsgesellschaft nur geliehen und dann auf ein eigenes Konto eingezahlt, das er unter der Bezeichnung “Atlético Madrid im Umwandlungsprozess zur Aktiengesellschaft” eingerichtet hatte. Das Geld floss noch am selben Tag wieder zurück, doch Gil hob den Einzahlungsbeleg auf und bekam dafür knapp zwei Drittel der kurze Zeit später ausgegebenen Clubaktien.

Gil bekam immer wieder die Rückendeckung der Bewohner seiner Heimatstadt an der Costa del Sol. Vor vier Jahren war es Gunilla von Bismarck, die Ur-Enkelin des Reichskanzlers Otto von Bismarck höchstselbst, die die Freilassung Gils forderte. Damals war Gil wegen des Geschäftes mit der Trikotwerbung verhaftet worden. Die Adlige organisierte kurzerhand eine Demonstration, an der immerhin 8.000 Menschen teilnahmen. “Ich habe nur noch eine Aufgabe”, sagte Gunilla von Bismarck damals, “alles dafür zu geben, dass Jesus Gil das Gefängnis verlässt.” Ihr Flehen sollte nicht ungehört bleiben. Gegen Kaution kam Gil frei. Dennoch begann sein Stern zu sinken.

Im Dezember 1999 wollte der Richter Manuel García Castellón ein Exempel statuieren und enthob nicht nur Jesús Gil seines Amtes, sondern auch den gesamten Vorstand von Atlético Madrid. Der Richter betraute stattdessen den Justizbeamten Luis Manuel Rubi mit der Führung des akut abstiegsbedrohten Clubs, der damit für kurze Zeit unter dem nächsten Größenwahnsinnigen litt. Der junge Inspektor fand Gefallen an der neuen Position und tat bald, was Clubpräsidenten so tun: Er verkaufte Spieler, warf den Profis mangelnde Einstellung vor, engagierte einen neuen Trainer und versprach dem Verein den Meistertitel. Zur Mannschaft allerding fand er nie einen Draht. Nach vier Monaten machte das Gericht einen überraschenden Rückzieher und ließ Gil die Geschäfte wieder übernehmen, wenn auch unter dem wachsamen Auge zweier eigens abgestellter Inspektoren. Am Ende der Saison stieg Atlético ab.

Im Oktober 2000 dann der nächste Rückschlag. Weil der Gerichtshof der Provinz Málaga in dem Trikot-Deal einen Fall von Untreue sah, entschied er, dass Gil für die nächsten 28 Jahre kein öffentliches Amt mehr ausüben dürfe und ein halbes Jahr hinter Gitter müsse. Allerdings sollte es weitere anderthalb Jahre dauern, bis Gil sein Amt als Bürgermeister von Marbella tatsächlich niederlegte – nicht ohne sich selbst als einen “politisch Verfolgten” zu bezeichnen.

Gil meinte es letztlich immer gut. Nicht nur mit seinem Verein, auch mit den Schiedsrichtern. In einem seiner weniger beachteten Verfahren machte Gil vor dem Nationalen Gerichtshof keinen Hehl daraus, dass sein Club einer Reihe von Schiedsrichtern mit Parfüms, Modeartikeln, Küchengeräten und Damenunterwäsche beschenkt hatte. “Solche Geschenke waren nicht meine Erfindung. Sie gehörten bei Europacupspielen zur Norm. Das war ein ungeschriebenes Gesetz,” sagte Gil damals aus. “Mal kam ein tschechischer Schiedsrichter und sagte, in seinem Land gebe es keine Reizwäsche zu kaufen. Da wollte man doch nicht kleinlich sein.”

Auch im aktuellen Verfahren kann Gil an seinen Geschäften trotz der verhängten Freiheitsstrafe nichts Verwerfliches finden. Seine Atlético-Aktienmehrheit durfte er sogar behalten und ist damit als Vereinsvorstand wieder voll handlungsfähig. Nachdem der Urteilsspruch ergangen war, kündigte Gil an, vor dem Obersten Gericht Spaniens in die Berufung zu gehen. “Man will mich ruinieren,” sagte er, “aber auch am Sonntag werde ich als Atlético-Präsident auf der Ehrentribüne sitzen.”

Martin Kaluza

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