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Der nächste Maradona

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Mit elf Jahren ist Leandro Depetris aus der argentinischen Provinz zum AC Mailand gegangen, jetzt kickt er wieder in Buenos Aires. Ein Besuch bei seinem (misstrauischen) Spielerberater. (11 Freunde 2002)

Mailands Vizepräsident Franco Baresi soll den Kinnladen praktisch nicht mehr zubekommen haben, als er zum ersten mal eine Videoaufzeichnung mit dem Argentinier Leandro Depetris sah. Der Junge aus der Provinz Santa Fé hat, was ein Fußballer braucht: einen starken linken Fuß, enorme Spielübersicht, das Gefühl für den finalen Pass und dazu einen sicheren Torriecher. “Er hat alle technischen Fähigkeiten,” wird Baresi zitiert, “aber was ihn wirklich auszeichnet, ist sein natürlicher Spielinstinkt. Er wird uns allen noch viele Jahre lang Freude bereiten.” Der Club holte Depetris nach Italien. Damals war er elf Jahre alt. Er war 1,32 Meter groß und wog 33 Kilo.

Im argentinischen Fernsehen wurde der Junge gezeigt, wie er den Ball balanciert, im Gegenschnitt mit Maradona, der in dem Alter auch schon Tricks vorgeführt hat – der Vergleich mit dem Überfußballer ist ein verlässlicher Reflex der argentinischen Medien, wenn sie ein Talent am Wickel haben. Jetzt ist der Junge vierzehn (1,55 Meter, 55 Kilo) und hätte eigentlich mit seiner Familie ganz nach Italien ziehen sollen. Leandro und die Familie haben es sich auf den letzten Drücker anders überlegt. Mag sein, dass der eigentliche Grund das Heimweh war. Seit März spielt Leandro in der Jugendmannschaft des Hauptstadtclubs River Plate und ist in seiner ersten Halbserie gleich Torschützenkönig geworden. Sein Spielerberater ist ein gewisser Sebastián Braun, derselbe wie vor drei Jahren.

Braun ist immer in Eile. Flatteriges helles Hemd, die Haare im Nacken ein Stück länger als vorn, läuft er mit einer Plastiktüte in der Hand in flotten Schritten über das Vereinsgelände von River Plate. Eigentlich war jetzt ein Interviewtermin mit “Leo” abgesprochen. Ständig klingelt das Handy. “Der Junge,” sagt Braun zwischen zwei Gesprächen, “ist mit dem Training noch nicht fertig.” Braun läuft in die Cafetería am Stadion, in der die Vereinsmitglieder um diese Zeit ihren Milchkaffee einnehmen. Er komme gleich wieder, entschuldigt er sich,”er habe da eben etwas zu besprechen. Vielleicht um zu zeigen, dass er auch wirklich zurück kommt, lässt er seine Plastiktüte am Tisch.

Knapp zwei Stunden später sitzt Braun ein paar Tische weiter und winkt. Leo ist mit dem Training fertig, hat aber doch keine Lust auf Interviews. Schon nach seinem ersten Spiel für River im März hatten neun Radiosender angerufen, die Sportzeitung Olé machte gleich zwei Seiten für ihn frei. “Das wird dem Jungen einfach zu viel”, erklärt Braun mit einer Miene, die den Stolz auf seinen Schützling nicht ganz überdecken kann. Mit am Tisch sitzen zwei Väter und hören sich das interessiert an, während ihre Söhne, so Jahrgang 91, durch das Lokal laufen und nur hin und wieder am Tisch andocken. Einer von ihnen soll nächstes Jahr auch soweit sein, nach Italien zu gehen.

Für die verschuldeten argentinischen Clubs sind Fußballer längst zu einem lohnenden Exportartikel geworden. Aber normalerweise gehen die Spieler erst als Erwachsene (zählen wir mal Javier Saviola oder Pablo Aimar großzügig dazu). In der letzten Saison haben Fußballer geschätzte 250 Millionen Dollar an Ablösesummen ins Land gebracht. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 exportierte Argentinien für 211 Millionen Dollar Rindfleisch.

Weil Talente vom Kaliber eines Javier Saviola oder eines Pablo Aimar eben auch in der Krise ihren Preis haben, ist die Versuchung für europäische Vereine groß, die Spieler schon an sich zu binden, wenn sie ihren Durchbruch im argentinischen Fußball noch vor sich haben. Leandro Depetris ist das prominenteste Beispiel. Und für jemanden wie Braun ist es die Chance, ein Bein in das internationale Vermittlergeschäft zu bekommen, ein ansonsten dicht abgestecktes Terrain.

Braun ist ein bisschen misstrauisch. Schon zum zweiten mal fragt er mich, was ich denn über Leandro schreiben wolle. Mit der Presse hat er zwiespältige Erfahrungen gemacht. “Eigentlich ist es doch ein Grund zur Freude, wenn unsere Spieler zu den besten Clubs in Europa gehen. Achtzig Prozent der Berichte geben das auch so wieder. Die anderen zwanzig sind manchmal sehr, sehr negativ”, sagt Braun und sieht mich dabei an, als würde er nicht ganz schlau aus dem Journalisten aus Deutschland. Jedenfalls übe niemand Druck auf den Jungen aus, und das sei ja doch das wichtigste. Die Väter am Tisch sind da ganz seiner Meinung. Achselzuckend erklärt Braun: “Außerdem kommen Leandros Großeltern ja selbst aus Italien. Der Junge kehrt praktisch zu seinen Wurzeln zurück”, und den Vätern am Tisch leuchtet das auch ein.

Argentinien hat tatsächlich eine lange Geschichte als Einwandererland. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kamen vor allem Italiener und Spanier ins Land, dazu Deutsche, zum Beispiel nach den Weltkriegen, auch Briten und Franzosen, Armenier und Ukrainer, Syrer und Libanesen. Heute, in Zeiten der Krise, gucken viele Argentinier die Schubladen durch, ob sie nicht noch Opas europäischen Pass finden und träumen vom Neuanfang in der alten Welt.

Als Braun uns eine Weile allein am Tisch in der Stadioncafetería lässt, weil er (diesmal mit Tüte) noch zu einer anderen Besprechung muss, frage ich einen der Väter, was das denn heiße, “der Junge geht nach Italien.” So genau wisse er auch nicht, was geplant ist, aber es geht so los, dass der Junge erstmal für einen kurzen Lehrgang oder ein Jugendturnier nach Mailand rüberfliegt, so für zwei Wochen. Die Eltern dürfen mit, zwei Wochen Europa immerhin, Hotel und Flug werden bezahlt. Nach einer Weile kommt vielleicht noch ein Lehrgang und noch einer, und dann werden die Aufenthalte vielleicht auch mal länger. So ein, zwei Monate? Aber das wäre noch lange hin, soweit könne man ja praktisch nicht planen.

Einer der Jungs kommt an den Tisch und möchte nach Hause. Die Ventilatoren unter der Decke drehen sich träge. Leute in weißen Trikots mit roten Querbalken, den Farben von River Plate, unterhalten sich an den Tischen und schauen nebenher ein wenig abwesend auf die Fernseher, in denen noch einmal die Tore der spanischen Liga gezeigt werden. Brauns Besprechung zieht sich.

Am Telefon schlägt Braun später vor, das Interview mit Leo nach seinem nächsten Spiel nachzuholen. Der Termin platzt, wie auch ein weiterer. Egal. Ich nehme mir vor, es bei der WM 2006 wieder zu versuchen, wenn Depetris dann 1,76 groß ist und vielleicht schon 72 Kilo wiegt.

Martin Kaluza

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