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Der Büchsenwurf

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Mönchengladbach deklassiert Inter Mailand. (Fußballwunder, Edition 11 Freunde 2005)

Ernst Huberty wird sich mehr als einmal in den Arsch gebissen haben. Am 20. Oktober 1971 hatte der ARD-Sportchef hart verhandelt und sich schließlich durchgesetzt. Diese Gladbacher waren auch zu unverschämt: Es war ausgehandelt, dass das Fernsehen für die Übertragung des Hinspiels der zweiten Runde im Europapokal der Landesmeister am Abend 60.000 Mark bezahlen sollte, und die Vereinsführung bestand darauf, dass sie davon nicht auch noch die Mehrwertsteuer abführen würde. Letztlich scheiterte die Übertragung des Spiels an der Frage, wer die 6.600 Mark ans Finanzamt überweisen sollte. Damit gibt es praktisch keine Fernsehbilder von dem Spiel, das bis heute als das beste gilt, das eine deutsche Mannschaft im Europapokal abgeliefert hat.

Dass es ein großer Abend werden sollte am Bökelberg, war vielleicht nicht unbedingt abzusehen gewesen. Doch die Voraussetzungen hätten kaum besser sein können: Der Gegner hieß Inter Mailand, jeder der Spieler eine lebende Legende, und Mönchengladbach hielten sie noch bis kurz vor der Begegnung für einen Vorort von München. Die Mailänder waren schon elfmal italienischer Meister gewesen, in den Jahren 1964 und 1965 hatten sie den Pokal der Landesmeister gewonnen. Aus der 65er Mannschaft waren noch die Abräumer Faccetti und Burgnich sowie Mittelfeldmann Mazzola dabei, und vier Spieler hatten auch 1970 beim WM-Spiel gegen Deutschland auf dem Platz gestanden, das Italien 4:3 nach Verlängerung gewonnen hatte. Und schon damals war Inter als Minimalistentruppe verschrien. Der neue Trainer Gianni Invernizzi hielt am Catenaccio fest, den sein Vorgänger, der Argentinier Helenio Herrera, über Jahre perfektioniert hatte: Inter hielt mit bis zu sieben Mann hinten dicht und baute darauf, dass vorn ein Tor fiel – eine Rechnung, die zuverlässig aufging. Nur eben heute nicht.

An diesem Oktoberabend schoss Gladbach das erste Tor: Schon in der siebten Minute schlägt Netzer einen herrlichen Pass auf Heynckes, der noch Giubertoni ausspielt und dann überlegt und aus spitzem Winkel den Ball an Torwart Vieri vorbei ins Netz schießt. „War da schon klar, dass nichts und niemand uns hätte aufhalten können an diesem Abend? Aber ja,“ erinnert sich Günter Netzer später, „angeschickert waren wir ja schon allein durch die Auslosung, durch das Flutlicht, in dem wir standen und uns sonnten. Nun kam der Rausch.“ Als in der zwanzigsten Minute Boninsegna Torwart Kleff überrascht, indem er einen Freistoß um die schlecht postierte Mauer herum ins Tor zieht, sieht es für die Italiener kurz so aus, als werde die alte Ordnung wieder hergestellt. Aber Netzer, der an diesem Abend das Spiel seines Lebens machen würde, ahnte gleich: Das Tor war „eine Randnotiz, nicht mal ein Störmanöver.“

Gladbach war in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von Inter. Als Mailand zuletzt den Pokal der Landesmeister zweimal gewann, waren die Borussen unter ihrem neuen Trainer Hennes Weisweiler noch damit beschäftigt gewesen, in die Bundesliga aufzusteigen. Als erste Amtshandlung hatte Weisweiler der Borussia verordnet, nicht mehr wie zuvor in schwarzen, sondern in weißen Trikots aufzulaufen – den Tipp hatte er von seiner Frau Lilo bekommen. Er formte aus jungen Spielern eine Mannschaft, die seine Vision von Angriffsfußball umsetzen sollte und schnell ihren Spitznamen weghatte: die Fohlen. Mit Günter Netzer hatte Weisweiler einen Mittelfeldspieler entdeckt, der das Offensivspiel mit Übersicht und bisweilen genialen Aktionen ganz nach seinem Geschmack umsetzen konnte. Gleichzeitig musste er sich von demselben Spieler anhören, er habe von Fußball einfach keine Ahnung, wenn dem die taktische Ausrichtung zu riskant erschien.

Für die Borussia war der Europapokal praktisch noch Neuland. In der Vorsaison war sie früh am englischen Meister FC Liverpool gescheitert, einen Namen hatte sie erst in der Bundesliga. Im Gegensatz zu Inter war das Spiel der Borussia dabei – trotz zweier Meistertitel – alles andere als konstant. Auf Atem beraubenden Hurrafußball folgte gelegentlich eine derbe Bauchlandung. Die Partie war somit auch eine Systemfrage: Offensive gegen Defensive, Schönspieler gegen Effizienz, Risiko gegen Beton, letztlich: Gut gegen Böse.

Und die Offensive schlug weiter zu. Nur eine Minute nach dem Ausgleich köpft Le Fèvre nach einer Flanke von Wimmer das 2:1. In der 35. Minute trifft Le Fèvre wieder per Kopf, diesmal nach einer Ecke von Kulik. Netzer, dem nach einer Knieverletzung erst drei Tage zuvor der Gips abgenommen worden war, setzt die Stürmer Heynckes und Le Fèvre nach Belieben in Szene und lässt seinen Gegenspieler Fabbian wie aufgeschreckt über den Platz irren. In der 41. Minute zirkelt Netzer einen Freistoß genau in den Winkel. Und noch vor dem Pausenpfiff überrollt die Borussia die bisweilen völlig orientierungslosen Italiener mit einem Konter über Vogts und Kulik, den Heynckes zum 5:1 abschließt. In der Pause lässt sich Torwart Vieri entnervt auswechseln.

In der zweiten Hälfte fanden die Mailänder wieder ein wenig in die Spur zurück. Tore kassierten sie trotzdem weiter. Bevor Weisweiler Netzer in der achtzigsten Minute auswechselte, um dem Publikum die Gelegenheit zu geben, ihn zu feiern; bevor Sieloff kurz darauf per Foulelfmeter den Endstand herstellte und bevor der italienische Linksaußen Corso für einen Tritt in die Wade des Schiedsrichters noch die rote Karte sah, forderte Netzer in Minute 53 mit einem Schrei quer über den Platz den Ball: „Ich machte das schönste Tor meiner Laufbahn. Ich hatte aus dem Mittelfeld heraus Jupp Heynckes angespielt, über dreißig, vierzig Meter, und war tatsächlich diese lange Strecke – ich war im Rausch, ich war nicht ich selbst – hinterher gerannt. Jupp spielte mir den Ball zurück, aber statt ihn mit dem linken Fuß aufs Tor zu schießen, nahm ich ihn mit dem rechten Außenrist an und schlenzte ihn aus spitzem Winkel über den Torwart in die linke obere Torecke. Ich schaute zum Himmel. Ich schloss die Augen.“

Sicher, da war noch was. In der 29. Minute war Boninsegna von einer Cola-Dose am Kopf getroffen worden und besaß die Geistesgegenwart, sich theatralisch fallen zu lassen, bevor er in fünfzehnminütige Bewusstlosigkeit fiel – was jedoch niemand kontrollieren konnte, da die Inter-Betreuer sich mit ihrem Stürmer in der Kabine einschlossen. Ein junger Gabelstaplerfahrer wurde des Büchsenwurfs verdächtigt, spektakulär über das Spielfeld abgeführt, vor Gericht aber freigesprochen. Einige Zeugen sagten, die Dose sei von einem Inter-Fan geworfen worden. Die UEFA annullierte das Spiel. Doch selbst bei den italienischen Fans hatte die Fohlen-Elf Eindruck hinterlassen: Vor dem Rückspiel in Italien wurde sie am Flughafen von mehreren hundert Tifosi mit so großem Applaus empfangen, dass Berti Vogts sich fragte, ob sie denn überhaupt in Mailand seien.

Das Spiel allerdings verlor Gladbach mit 2:4. Und als das Hinspiel in Berlin wiederholt wurde, hatte Inter die Abwehr längst wieder im Griff, ermauerte sich ein 0:0 und trat die Fohlen zum Abschied so zusammen, dass drei von ihnen mit einem Gips nach Mönchengladbach zurückkehrten.

Die Borussia war letztlich am grünen Tisch ausgeschieden. Aber was war das schon mehr als ein Treppenwitz der Fußballgeschichte? Die 28.000 Zuschauer am Bökelberg hatten gesehen, was die Fernsehnation sich unter großem Neid in der Phantasie ausmalen musste, ein Spiel, das der Borussia keiner nehmen kann. Sie hatten gesehen, wie ihre Mannschaft die Catenaccio-Übermonster schlichtweg überrannt hat. Sieben eigene Treffer mit dem Ball ins Tor, dazu einer für die Italiener – und eben einer mit der Dose an die Rübe. Auch so werden Legenden geschrieben.

Martin Kaluza

Erschienen in: Fußballwunder, herausgegeben von Philipp Köster. Europa Verlag, Edition 11 Freunde 2005





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