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Auf der wilden Weichsel

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Fünf Männer wollen Boot fahren – mit einer Acht-Meter-Yacht, aber ohne Führerschein. Ein Rundkurs durch Delta und Nebenarme der Weichsel. Der angeblich ungezähmte Fluss gilt als letzter Wilder in Europa (zeo2 2011)

Stasia

Man kann nicht sagen, dass wir uns auf Anhieb in sie verliebt hätten. Ziemlich uncool wirkt sie, zumindest ein wenig bieder: die „Stasia“, eine bauchige, blasse Gestalt, beklebt mit allerlei Werbung. Als sich unsere Wege vier Tage nach der ersten Begegnung wieder trennen, ist sie unserer kleinen Männerrunde aber ans Herz gewachsen. Die Stasia ist 8,20 Meter lang und hat einen 25 PS starken Außenbordmotor. Damit lassen uns die Polen tatsächlich allein auf öffentliche Gewässer los. Keiner hat einen Bootsführerschein. Wir gehen in Rybina an Bord, einem Dorf an der Szkarpawa, 30 Kilometer von Danzig entfernt. Für uns fünf ist es ein kollektives erstes Mal.

Tag 1: Nach drei Minuten ist Feierabend

Jacek braucht genau zwei Stunden, um uns binnenschifffahrtstauglich zu machen. Der Mann vom Bootsverleih erklärt Route und Boot und drückt uns eine grüne Mappe in die Hand, in der alles drinsteht: Karten, Telefonnummern, Beschreibungen der gefährlichsten Stellen und der Verkehrszeichen. Die Kabine der Stasia ist wie ein Wohnmobil eingerichtet. Alles dabei: Schlafsäcke, Seile, Fahrräder, Geschirr wie im Ferienhaus, dazu das nautische Gerät, zwei Anker, ein Echolot für die Sandbänke und die knallorange Signal-Vuvuzela. Wir drehen eine kurze Runde mit Jacek, um Grundmanöver zu lernen, dann sind wir reisefertig. Von einem echten Kapitän bekomme ich noch eine aufmunternde SMS: „Lieber schneidig rammen als lahm anlegen – macht einfach mehr Eindruck!!!“

Wir machen die Leinen los, die Stasia beschreibt eine elegante Linkskurve, und wir lernen unsere erste Lektion: Nie zu spät losfahren! Nach drei Minuten endet die erste Etappe an einer geschlossenen Klappbrücke. Der Brückenklapper hat schon Feierabend. Wir fahren ein paar Minuten in die andere Richtung, werfen Anker und essen Eintopf. Die anderen bringen mir Doppelkopf bei. Ich revanchiere mich mit Bommerlunder.

Tag 2: Reiher, Hopfen und Steuerpolitik

Nach einer frischen Nacht werden Teile der Besatzung von Motordröhnen geweckt. Es ist die eigene Maschine, wir sind früh unterwegs. Bei ruhiger Fahrt ziehen Schilf, Deiche und mürrische Angler vorbei. Überall, wo ein Wasserweg Richtung Haff abzweigt, hat man uns rote „Einfahrt verboten“-Zeichen in die Karte geklebt. Ein Schifffahrtszeichen taucht am Ufer auf. Was bedeutet der schwarze Punkt in einem rot umrandeten weißen Quadrat? Wir konsultieren die grüne Mappe. „Blow your horn!“ Das erste Hindernis ist eine Seilfähre. Nachdem sie zwei Mal scheinbar ohne Passagiere den Fluss überquert hat, lässt der Fährmann das Seil mit einem deutlichen „Klack“ ins Wasser fallen. Wir queren so vorsichtig wie mittig.

Wir biegen auf den Oberländischen Kanal ein und durchfahren die Stadt Elbląg (Elbing), passieren Kohlenkähne und ein großes, altes Lagergebäude, an dessen Fassade zu erkennen ist, dass hier einmal ein Schriftzug in Frakturbuchstaben stand. „Elbinger Hopfengesellschaft“, lese ich vor. „Hafengesellschaft“, werde ich korrigiert. Wie komme ich auf Hopfen? Es ist nämlich nicht so, dass hier eine bierfixierte Herrentagsrunde schippern würde. Wir beobachten Reiher, Enten, Kormorane mit dem Fernglas. Besatzungsmitglieder liegen auf Deck und lesen. Das Wildeste, wozu wir uns auf dem wilden Fluss hinreißen lassen, ist bei Nacht über die Reling zu pinkeln. Man spricht über Steuerpolitik und Literaturbetrieb. In jedem Mädchenpensionat geht es höher her.

Kanal

Bei Neu Kußfeld ist der Oberländische Kanal scheinbar zu Ende. Vor uns erhebt sich eine große, grüne Rampe mit Schienen. Tomasz, gebräunter Familienvater in Badehose, ist mit Frau und Tochter auf dem Segelboot unterwegs. Er vertäut sein Boot auf einer Art Schlitten, der wie eine Standseilbahn über 13 Meter Höhenunterschied die Rampe hochgezogen wird. Tomasz ist begeistert: „Auf dem Weg nach Ostróda gibt es fünf von diesen Aufzügen.“ Wir beobachten die Liftfahrt wie eine Vorführung im Technikmuseum. Jacek hat uns gewarnt, wir sollen da nicht hochfahren. Wir kehren also brav um, ankern und gehen früh ins Bett.

Tag 3: Die Marienburg grüßt die Stasia

Die Frau mit Latzhose hat die Ruhe weg. Als wir Signal geben, isst sie weiter ihren Apfel und geht gemächlich zu einer der vielen Kurbeln ihrer Schleuse – ein Gang, den wir den Tag über noch bei anderen Kollegen feststellen sollten. Ein wenig aufgeregt bugsieren wir das Boot durch das Tor, das uns viel zu schmal vorkommt und machen es locker fest. Die Schleuserin leistet ehrliche Handarbeit. 6,46 Zloty kostet die Durchfahrt, 1,50 Euro – Einheitstarif für die Schleusen.

Uns wundert, dass wir kaum anderen Booten und Schiffen begegnen. Offenbar sind die Ferien in Polen schon zu Ende. Selbst an der mittelalterlichen Marienburg, dem größten Backsteinbau Europas, hält sich der Andrang in Grenzen. Die Oberfläche der Burg ist makellos wie ein Turnhallenneubau. Die Polen sind begnadete Restauratoren und bauen alles picobello auf, was die Russen und Deutschen im Lauf der Geschichte zerstört haben.

Als ein Regenschauer den Ausflugsnachmittag für die meisten Besucher beendet, machen wir das Boot los und ziehen gemächlich am Stau auf der Uferstraße vorbei. Die nächste Schleuse passieren wir mit einer gewissen Routine. Sie kostet das Doppelte, weil es schon nach 16 Uhr ist. Ein Seeadler zeigt sich. Wir gehen in unserem Nebenarm so nah wie möglich vor der Weichsel vor Anker. Auf dem Hauptfluss selbst gibt es nur wenige erlaubte Parkmöglichkeiten.

Nogat

Tag 4: Schlingerkurs im schweren Wetter

In der Mappe ist aufgezeichnet, wie wir auf der Weichsel fahren sollen: immer in den Außenseiten der Kurven, weil sich innen Strudel und Sandbänke bilden. Das Gegenteil der Ideallinie ist unser Kurs. Ein Gewitterschauer zieht auf. Wir legen Regenausrüstung an und stemmen uns dem Wetter entgegen. Böen drängen die Stasia spürbar vom Kurs ab, die Strömung schiebt uns vor sich her und lässt uns schlingern. Nach einer halben Stunde im peitschenden Regen fühlen wir uns wie ausgebuffte Kap-Hoorniers. Wieder ist niemand unterwegs. Gibt es hier keinen Güterverkehr? Erst in Tczew (Dirschau) erblicken wir ein weiteres Boot, ungefähr unser Kaliber. Es fährt eine Weile vor uns her und hängt uns dann ab.

Als der Schauer vorbei ist, verlangsamen sich die Gedanken. Ein Graureiher mit vollem Kropf segelt übers Wasser wie eine Boeing mit Hilfsgütern. Man kann stundenlang auf Deck rumstehen und einfach nur gucken. Der Fluss ist breit und wirkt an keiner Stelle besonders wild. Schneller als gedacht biegen wir schon wieder ab auf die Szkarpawa. Das letzte Stück bis Rybina fahren wir langsamer und freuen uns, dass der Motor nun leiser ist. Die Tour hat uns gelassener gemacht. Wir legen routiniert an, machen klar Schiff und vergleichen die Stasia mit den anderen Booten am Steg. Die Coolste ist sie immer noch nicht.

Auf der Rückfahrt im Auto spricht es einer aus: „Ich glaube, ich habe mich in vier Tagen noch nie so gut erholt.“ An der Marienburg erwischt uns der Stau. Gegenüber pinkelt ein Spaziergänger in aller Ruhe an die perfekte Klinkerfassade.

Text und Fotos: Martin Kaluza

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