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Als Protestsänger zur Queen

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Billy Bragg im Berliner Ramones-Museum: Director's Cut eines Gesprächs über Gewerkschaften, Talentwettbewerbe und einen königlischen Fan. Erschienen in verdi-Publik und Grand Guitars (2013).

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England, Anfang der achtziger Jahre: Ein schmaler, junger Mann aus Barking (heute ein Teil Londons) fährt mit seiner E-Gitarre in den Norden des Landes, um die streikenden Bergarbeiter zu unterstützen. Er ist glühender Fan der Punkrockband „The Clash“, und seine Songs singt er mit Wut im Bauch. Dazu spielt er Gitarre, wie er singt: rotzig, laut und entschlossen.

„A New England“, ein Song von seiner ersten Platte aus dem Jahr 1983, ist bis heute Billy Braggs größter Hit. Mit Wilco brachte er 1998 und 2000 die „Mermaid Avenue“-Alben mit eigener Musik zu bislang unvertonten Texten aus dem Nachlass von Woody Guthrie heraus.

Inzwischen ist der Punkrocker und Protestsänger 55 Jahre alt, Vater eines erwachsenen Sohns. Einen Vollbart hat er sich wachsen lassen. Billy Braggs Platten sind ruhiger und persönlicher geworden, doch seine alten Protestsongs singt er noch immer mit Überzeugung. Auf seinen Konzerten sind die mit Anekdoten gespickten Ansagen oft länger als die Songs. Ich traf ihn im Ramones-Museum in Berlin – im Auftrag zweier recht unterschiedlicher Magazine. Mr. Bragg eröffnet.

Billy Bragg: Für wen ist dieses Interview jetzt? Für das Gewerkschaftsmagazin oder das Gitarrenmagazin?

Für beide.

Billy Bragg: (auf Deutsch:) Scheiße! Jetzt willst du wissen, ob meine Gitarre in einer Fabrik mit Betriebsrat hergestellt wurde?

Gute erste Frage! Darauf wäre ich nicht gekommen. Also: Wurde sie?

Billy Bragg: Schwer zu sagen. Die Gitarre, die ich im Moment spiele, wurde in Calamazoo/Michigan 1935 gefertigt. Möglicherweise gab es in der Fabrik keine Gewerkschaft. Aber vielleicht hat Woody Guthrie sie gespielt! Das wäre ein Plus.

Was für eine Gitarre ist das?

Billy Bragg: Eine Gibson L-00 von 1935. Als wir die Arbeit am neuen Album anfingen, bat mich Joe Henry, der Produzent, meine Gitarren zu Hause zu lassen. Er würde mir welche zur Verfügung stellen. Die einzigen, die er wirklich im Überfluss hat, L-00s. Als ich mit den Aufnahmen fertig war, sollte ich ein paar Gigs mit den Woody Guthrie-Stücken spielen, zu seinem hundertsten Geburtstag. Ich dachte, es würde passen, wenn ich dazu die Art Gitarre spiele, die er auch spielte, also habe ich mir eine L-00 besorgt.

Da wir schon einmal dabei sind: Deiner Vertonung von Texten aus Woody Guthries Nachlass hast du es zu verdanken, dass du in Bob Dylans Memoiren erwähnt wirst. Ist das eine Ehre?

Billy Bragg: Ich spüre genau, dass ich jetzt darauf verzichten kann, von der Queen zum Ritter geschlagen zu werden. In Bob Dylans Buch erwähnt zu werden, ist besser. Das Gute daran war der Zusammenhang, in dem er darüber schreibt. Als ich mit Wilco anfing, dieses Album mit alten Woody Guthrie-Songs aufzunehmen, haben wir uns gefragt, ob es Woody überhaupt recht wäre - ob er überhaupt gewollt hätte, dass jemand diese Songs hört. Dylan sagt in dem Buch, Woody habe ihn gebeten, die Texte zu suchen und zu vertonen. Dylan hatte aus erster Hand die Information, dass Woody sehr wohl wollte, dass die Songs gehört werden. Das war doppelt gut: Er erwähnte nicht nur Wilco und mich, er lieferte uns auch die Rechtfertigung für das Projekt.

In dem Buch steht ja auch, dass Dylan sich selbst berufen fühlte, die Songs zu vertonen – über 30 Jahre vor euch.

Billy Bragg: Vielleicht wäre er der Richtige gewesen. Am Ende war es aber besser, dass er stattdessen seine eigenen Songs geschrieben hat. Er brauchte die Woody Guthrie-Songs nicht mehr. Wenn er damals an die Texte herangekommen wäre, hätte er vielleicht nie "A Hard Rain's Gonna Fall" geschrieben oder "Subterranean Homesick Blues".

Wir treffen uns hier im Ramones-Museum. Du hast gerade erst den BBC Radio 2-Folk Award gewonnen. Wie passen denn Folk und Punkrock zusammen?

Billy Bragg: Punkrock ist eine Form von Folkmusic. Er ist eine Musik, die von Menschen zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht wird und die ihnen nicht von einem Coach aufgedrückt wurde. Der Kern des Punkrock ist die Do-it-yourself-Idee. Punkrock ist keine Hose und kein Klamottenstil, er ist eine Haltung. Die gleiche Do-it-yourself-Idee findest du auch im Folk.

Als du anfingst, allein mit deiner E-Gitarre aufzutreten, haben die Leute es damals als Folk wahrgenommen?

Billy Bragg: Nein. Während der Bergarbeiterstreiks in England fuhr ich mit meiner E-Gitarre nach Norden, zu den Kohleminen. Vor mir spielte ein 80-jähriger Mann, er saß einfach nur da und sang ohne irgendwelche Begleitung. Seine Songs waren noch politischer als meine eigenen. Da ging mir auf, wie politisch Folkmusic ist. Sie ist Teil einer politischen Tradition. Ich musste meine Songs überdenken und schrieb dann "Between the Wars". Das ist eine Art Folk-Song. Ich wollte dieser Tradition Respekt zollen. Indem ich als Punkrocker zu den Minen fuhr, wurde ich Teil dieser Tradition.

Wie kamst du damals darauf, zu den Streikenden zu fahren, um sie zu unterstützen?

Billy Bragg: Ich hatte immer Musik gehört, in der es um politischen Wandel ging. Hier gab es die Möglichkeit herauszufinden, ob meine Musik in einem wirklichen politischen Kampf irgendeine Bedeutung haben könnte, bei den Miners' Strikes. Ich war an vorderster Front, um herauszufinden, ob Pop und Politik zusammenpassen. Ich finde das immer noch einleuchtend.

Heute morgen im Radio lief ein Mitschnitt von deinem Auftritt gestern Abend in Berlin. Sie haben "There is Power in a Union" gespielt, einen deiner alten Songs...

Billy Bragg: Für mich ist der nicht alt! Der Grund, warum die Wirtschaft in Amerika 2008 zusammenbrach, ist dass Banken Leuten Geld geliehen haben, die es sich ihre Hypotheken gar nicht leisten konnten. Ihre Hypotheken konnten sie sich nicht leisten, weil sie keinen angemessen Lohn bekamen. Einen angemessenen Lohn hatten sie deshalb nicht, weil es an ihrem Arbeitsplatz niemanden gab, der dem Arbeitgeber gegenüber für sie um einen angemessenen Lohn gekämpft hätte. Dass wir jetzt unter der Finanzkrise leiden, liegt also daran, dass es in den USA keine Gewerkschaften gibt. In den USA gab es dreißig Jahre lang keine Lohnsteigerungen. In meinem Land sind es jetzt acht Jahre. Und jetzt haben wir eine Wirtschaftskrise aus mangelnder Nachfrage. Niemand gibt Geld aus. Alle haben Angst, dass sie ihren Job verlieren oder keine Rente bekommen oder kein Zuhause haben. Der einzige Weg, wie man die Wirtschaft wieder in Gang bekommt, ist dass einfache arbeitende Leute Geld in der Tasche haben. Keine politische Partei sagt, wir müssen die Arbeiter angemessen bezahlen. Das sagen nur die Gewerkschaften. Mein Song ist heute zu 100 Prozent genauso wichtig wie damals, als ich ihn schrieb.

Du bist demnach Gewerkschaftsmitglied?

Billy Bragg: Mitglied der Musikergewerkschaft, selbstverständlich!

Und du verfolgst die Entwicklung der Gewerkschaften?

Billy Bragg: Ja, besonders im Ausland. Ich kann zum Beispiel nicht nach Deutschland kommen und auf der Veranstaltung einer politischen Partei spielen. Als Ausländer kann ich das nicht tun. Ich wäre auch nicht so froh darüber, wenn jemand aus Deutschland nach England käme und ein Konzert für die Labour Party oder eine andere Partei geben würde. Aber die Gewerkschaften sind international, sie sprechen über die gleichen Themen. Da kann ich spielen! Dann sind Konzerte für die internationale Solidarität, und das mache ich auch. Ich habe Auftritte bei Gewerkschaftsveranstaltungen in Amerika und Kanada gespielt, auch hier in Berlin. Die Gewerkschaften sprechen die sozialen, politischen und ökonomischen Themen an, die mir wichtig sind. Die SPD und die Labor Party machen das nicht mehr.

Danach wollte ich gerade fragen. Ich habe hier ein altes Songbuch von deiner Platte "Back to Basics". Ich habe damit Gitarre spielen gelernt...

Billy Bragg: Ach du Scheiße! Und kannst du wirklich spielen? (hustet)

Ich habe seitdem sogar noch ein paar Songs mehr gelernt. Hier hinten ist ein Foto von dir mit Neil Kinnock, dem damaligen Vorsitzenden der Labour Party, und ein Beitrittsformular.

Billy Bragg: Das waren andere Zeiten. Die Labour Party war die einzige Alternative zu Margret Thatcher.

Heute gäbe es das in deinen Büchern nicht mehr?

Billy Bragg: Die Labour Party hätte gar kein Interesse daran.

Liegt das an Tony Blair?

Billy Bragg: Er war mit meiner Politik nicht einverstanden. Er wollte lieber Oasis in die Downing Street einladen. Ich habe ein Foto von ihm und Noel Gallagher gesehen, sie haben sich über Britpop unterhalten, über Cool Britannia und sowas. Wenn ich da hinfahre und "Power in a Union" singe, will er das sicher nicht hören. Natürlich gibt es in der Labour Party noch gute Leute! Im letzten Wahlkampf habe ich mit einigen in meinem Heimatbezirk zusammengearbeitet, um die Faschisten der British National Party zu stoppen. Aber Labour ist nicht mehr meine Partei.

In den achtziger Jahren war der politische Gegner einfacher zu benennen. Es waren Thatcher, Reagan und das Apartheidsregime in Südafrika. Heute ist alles verschwommener.

Billy Bragg: Wir leben in postideologischen Zeiten. Die Sprache, die wir im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert sprachen, war die Sprache von Marx. Sie spricht die Menschen aber nicht mehr an. Dabei sind die Probleme, die Marx angehen wollte, bis heute nicht gelöst. Wir müssen immer noch eine Antwort auf Ungleichheit und Ausbeutung finden. Aber um unsere Ideen voranzubringen, müssen wir eine neue Sprache finden, weil die von Marx nicht mehr funktioniert. Das ist mein Gefühl dazu. Ich weiß nicht, wie es die Leute in Deutschland sehen, aber im Vereinigten Königreich ist es so: Die Parteien, die ihre Politik noch nach einer marxistischen Analyse ausrichten, haben keine Unterstützung. Wir müssen also einen anderen Weg finden, diese Argumente aufzuzeigen. Der Mainstream hat sich in die Mitte verschoben. Dadurch ist ein großer Abstand zwischen der Socialist Workers' Party und der Communist Party of Great Britain auf der einen und der Labour Party auf der anderen Seite. Es gibt niemanden, der diesen Zwischenraum besetzt - abgesehen von manchmal den Grünen. Es gibt derzeit niemanden, der eine große Idee wie den Sozialismus vertritt. Wir müssen also damit anfangen, große Ideen so zu formulieren, dass sie für die Menschen wählbar werden.

Es hat auch damit zu tun, dass um die Jahrtausendwende die SPD in Deutschland und Labour in Großbritannien einen neoliberalen Kurs eingeschlagen haben, wie man ihn den Christdemokraten nicht einmal zugetraut hätte.

Billy Bragg: Das passiert, wenn du alles dem Markt überlässt. Dann steht irgendwann alles zum Verkauf - Politiker inklusive. Kapitalismus ist ein wichtiger Mechanismus für den Austausch und für die Sehnsüchte der einfachen Leute. Doch solange er nicht reguliert ist, bleibt er eine sehr gefährliche Angelegenheit. Er ist wie das Feuer: Wenn du das Feuer unter Kontrolle hat, gibt es dir Wärme und Licht, Dinge, die für die Zivilisation unglaublich wichtig sind. Wenn du es nicht unter Kontrolle hast, zerstört es alles, was du liebst. Der Kapitalismus ist genau so.

Du hast vor ein paar Jahren einen Protest gegen die Internetplattform myspace initiiert.

Billy Bragg: Da ging es vor allem um die Rechte an den Songs. Aus den damaligen Nutzungsverträgen folgte, dass myspace die Rechte an allem erhalten würde, das dort gepostet wird.

Musiker sind schon lange Freiberufler.

Billy Bragg: Kleinunternehmer!

Sie leben schon seit vielen Jahren in prekären Arbeitsverhältnissen, die inzwischen viele andere Brachen erfasst haben. Du bist Mitglied der Musikergewerkschaft. Was kann sie für Musiker tun?

Billy Bragg: Sie kann sicherstellen, dass die Gagen dem Lebensstandard angepasst sind, dass du krankenversichert bist, dass der Arbeitsplatz sicher ist. Sie kann dazu beitragen, dass die Auftraggeber gegenüber den Auftragnehmern verantwortlich sind. Ich glaube, dass Verantwortlichkeit eine große Idee ist, die die Stelle des Sozialismus einnehmen kann - in dem Sinne, dass sie einen Rahmen für eine bessere Gesellschaft darstellt. Gewerkschaften sind dazu da, die Arbeitgeber nicht aus ihrer Verantwortung gegenüber den Angestellten in einem kapitalistischen System zu entlassen.

Einmal ganz generell gefragt: Kann Musik die Welt verändern?

Billy Bragg: Nein. Es wäre auch unverantwortlich, das zu verlangen. Die Welt zu verändern, verlangt enorme Anstrengungen. Auf einem Konzert sind die einzigen, die die Welt verändern können, das Publikum. Sie sind dafür verantwortlich, die Welt zu verändern. Wenn ich "Power in a Union" singe, klatschen alle. Wenn sie dann wieder gehen und die Gewerkschaften doch nicht unterstützen, sind sie Heuchler. Sie müssen selbst aktiv werden. Mein Job ist es, ihnen einen anderen Blickwinkel auf die Welt zu eröffnen. Ich kann ihren Blickwinkel verändern, aber das eigentliche Handeln muss von den Menschen kommen, die zusammenfinden und sich organisieren. Das musste sogar Occupy erfahren: Es reicht nicht, einen Trommelkreis im Park zu bilden. Jetzt sind sie in New Jersey, wo Hurricane Sandy ganze Gemeinden zerstört hat, und organisieren die Aufräumarbeiten. Sie verstehen, dass man sich organisieren muss, um die Welt zu verändern.

Das klingt aber doch so, als könne die Musik etwas bewirken.

Billy Bragg: Aber zu sagen, Musik verändere die Welt, würde das Publikum aus seiner Verantwortung entlassen. Stell dir vor, es kommt jemand zu deinem Gig, der an seinem Arbeitsplatz immer wieder Zeuge von Rassismus wird. Er ist gegen Rassismus, aber er fühlt sich in einer Minderheit. Wenn der jetzt zu deinem Konzert kommt und alle singen dort "All You Fascists are Bound to Loose", dann wird er feststellen, dass er nicht allein ist. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl kann seine Batterie wieder aufladen. Er geht dann zurück an die Arbeit und findet vielleicht den Mut, seine Stimme gegen den Rassismus zu erheben. Das kann Musik bewirken - aber das schaffe nicht ich, sondern die Leute im Publikum, das Gemeinschaftsgefühl!

Ich habe gelesen, dass du während der Eröffnung der Royal Festival Hall in London der Queen die Hand geschüttelt hast. Das hat mich überrascht!

Billy Bragg: Auf dem Konzert wurde Beethovens Neunte Symphonie, die Ode an die Freude, mit meinen Texten aufgeführt wurde. (auf deutsch:) Verstehen Sie? Weil die Queen ihre Anwesenheit angekündigt hatte, nahm ich meine Mutter mit - und meine Frau und meinen Sohn. Ich hatte den englischen Text um das Motiv (auf deutsch:) Alle Menschen werden Brüder herum geschrieben. Diese Zeile aus Schillers Original war der Ausgangspunkt. Am Ende des Konzerts sagte man mir: Wenn Sie nach unten gehen und sich in die Reihe stellen, können Sie der Queen die Hand schütteln. Zwei Dinge schossen mir durch den Kopf. Erstens, meine Mutter ist hier. Und als Musiker hast du nicht sehr oft Gelegenheit, etwas zu tun, das deine Mutter beeindruckt. Deine Mutter beeindruckt es nicht, wenn du Michael Stipe kennst oder im Ramones-Museum bist. Zweitens, die Hände der Queen waren es, aus denen Bobby Moore 1966 den WM-Pokal empfangen hat. Wenn ich ihre Hand schüttele, bin ich also nur einen Schritt von Bobby Moore entfernt.

Eine schöne Rechtfertigung!

Billy Bragg: Ich ging also nach unten, und als die Queen zu mir kam, sah sie mich mit einem Blick an, der sagte: "Was zum Teufel hast du hier zu suchen?" Genau der Blick war es. Großartiger Blick. Ich schüttelte ihre Hand, meine Mutter war dabei, ich machte ein Foto, und dann ging sie. Später bekam ich von ihrem Mitarbeiter eine Nachricht. Ob es möglich wäre, eine Kopie der Partitur mit einem Autogramm von Mr. Bragg für die Queen zu bekommen. Kein Problem, ich habe gleich ein Exemplar signiert. Und jetzt pass auf: Viele, die zu meinen Konzerten kommen, bleiben nach dem Auftritt noch da, um meine Hand zu schütteln und ein Autogramm zu bekommen. Warum sollte ich die Queen also anders behandeln als die Leute, die sonst zu meinen Gigs kommen?

Die Idee der Gleichheit verlangt das.

Billy Bragg: Und überhaupt: Wenn du Billy Bragg bist, musst du manchmal Dinge tun, die man von dir nicht erwartet. Ich bin kein Monarchist, aber ich respektiere die Queen, weil sie in unserem Land die Generation repräsentiert, die im Krieg gekämpft und den Wohlfahrtsstaat aufgebaut hat - die Generation meiner Mutter. Wenn du sie respektierst, respektierst du diese Generation. Wenn sie stirbt und Prince Charles wird König - vergiss es.

Spielst du heutzutage vor allem mit der Band?

Billy Bragg: In den letzten fünfzehn Jahren habe ich allein gespielt. Ab nächsten Monat spiele ich wegen der neuen Platte wieder mit Band.

Vor ein paar Jahren habe ich einen deiner Auftritte in Berlin gesehen, in der Passionskirche übrigens.

Billy Bragg: Ich erinnere mich. Es ist komisch, in Kirchen zu spielen. Das Publikum vergisst nie, dass es in der Kirche ist, egal was du auf der Bühne tust. Aber es war ein guter Gig! Alle hören gut, es gibt keine Bar.

Oh doch, es gab da einen Bierstand.

Billy Bragg: Wirklich? Diese Lutheraner, sieh sie dir an!

Es gibt da öfter Konzerte. Als Bonnie Prince Billy dort spielte, kam er in Shorts und Flipflops auf die Bühne.

Billy Bragg: Das ist verrückt! (lacht)

Ich habe eine Anekdote über dich gelesen. Du hast einmal an einem Talentwettbewerb teilgenommen, den du nicht gewonnen hast. Am gleichen Wettbewerb haben Iron Maiden teilgenommen und auch nicht gewonnen.

Billy Bragg: Das stimmt. Der Gewinner war ein vierzehnjähriger Junge, der Gitarre spielte wie Carlos Santana. Iron Maden wurden berühmt, ich wurde berühmt. Eines Tages haben wir herausgefunden, dass der Junge später in Ritchie Blackmores Band spielte (Vermutlich ist Robert Plants Band gemeint, mk.). Er hieß Dougie Boyle, und er wurde auch berühmt. Wie erstaunlich ist das bitte?

Das nennt man wohl einen guten Jahrgang. Ihr habt dann recht unterschiedliche Wege im Musikgeschäft eingeschlagen. Du gingst allein im Volvo auf Tour, Iron Maiden haben ihren Jet, und der Sänger fliegt das Ding.

Billy Bragg: Im Heavy Metal wird das auch von dir erwartet. Im Punkrock ist es nicht nötig. Mich fliegt heute jemand anderes nach Hause, von Tegel aus.

Noch einmal zu den Gitarren: Gibt es eine, die du über die Jahre immer gespielt hast?

Billy Bragg: Ja, eine grüne Burns Steer. Ich habe eines der Originale aus den späten Siebzigern, keine dieser Reissues von Burns London. Ich habe sie bei der Aufnahme von „Levi Stubbs Tears“ und „There is Power in a Union“ gespielt. Eine große, grüne Gitarre, die großartigen Krach macht. Immer wenn ich sie beim Konzert hervorhole, jubelt das Publikum, weil sie wissen, dass ich „Levi Stubbs Tears“ spiele.

War sie damals ein zufälliger Kauf?

Billy Bragg: Sie war ein Glücksgriff. Von den Gitarren, die ich gekauft habe, war sie die einzige, die großartig aussah und großartig klang. Ich wollte mir eigentlich eine Badehose kaufen. Ich kam an einem Gitarrenladen vorbei und habe sie gleich mitgenommen. Sie definiert bis heute meinen Sound. Das ist der Billy Bragg-Sound. "Chop and clang" nennt man das. "Chop" wie "hacken" und "clang" wie wenn man auf ein Stück Metall haut.

Du hast nie einfach nur die Akkorde geschrammelt oder gezupft, sondern dein Spiel war schon immer sehr rhythmisch.

Billy Bragg: Meiner Überzeugung nach ist die Gitarre ein Percussion-Instrument. Die Stimme ist das Melodieinstrument, und die Gitarre trägt die Percussion bei.

Vielen Dank für das Gespräch!

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