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Abenteuer Urlaub

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Mit 500 Mark zehn Tage Norwegen und zurück. Ein Experiment. (zitty 1999)

Snasa

Norwegen ist, das weiß jedes Kind, teurer als man denkt. Damit kommt nur ein Fortbewegungsmittel wirklich in Frage: der rechte Daumen. Die tiefblauen Fjorde; die mächtigen Berge; die Mitternachtssonne! - Das sind schon ein paar Ziele, überlege ich, für die es sich lohnt, an der Autobahnauffahrt zu stehen. Ein großzügiger Einkauf bei Lidl, Kartoffenpüree, Reis, Souvlaki und Leberwurst und natürlich Spaghetti, soll die Ernährungskosten auf ein Minimum drücken.

Erster Tag. “Are you dangerous?”, fragt mich die kleine Frau aus dem schmalen Auto heraus und beendet damit vor den Toren des dänischen Vejle meine erste Krise. Morgen früh um zehn geht die Fähre nach Oslo, es ist schon fast dunkel, und vor mir liegen noch zwei Drittel Dänemarks. Ich versichere glaubhaft, nicht dangerous zu sein, und werde von ihr ein paar Kilometer weiter auf einem gigantischen Truckerparkplatz abgesetzt. Von dort bringt mich der letzte Früchtetransport viel zu schnell nach Norden: Schon um kurz vor drei Uhr in der Nacht schleiche ich, vierzig Kilometer vor dem Hafen Hirtshals, an der Landstraße auf und ab und schlage mir die Nacht um die Ohren. Für vier Stunden das Zelt rauskramen? Matt schleppe ich mich später auf die Fähre und finde in der Erlebnisbar eine ruhige Ecke. Erst der Feuerspucker weckt mich vor norwegischen Gewässern. Fahrtkosten Berlin-Oslo: ca. 30 DM.

Zweiter Tag. Mit seinem grauen Backenbart sieht der alte Mann, der mir die Tür öffnet, aus wie Ibsen. Der Kapitän a.D. bietet die mit Antiquitäten vollgestopften Räume seiner Altbauwohnung in Oslo als Fremdenzimmer an. Auf dem Esstisch stehen eine Handvoll kleiner Fahnenmasten. Der Alte erkundigt sich, was für ein Landsmann ich bin, und zieht Schwarzrotgold auf - nicht auf den höchsten Mast, denn dort hängt die iranische Flagge. Der Gast aus Persien hatte schließlich den weitesten Weg. 150 Kronen die Nacht, das sind 37,50 DM.

Vierter Tag. Dem lebhaften Oslo kehre ich den Rücken. Während sie mich in weiten Sätzen über die Berge nach Norden bringen, entpuppen sich die Fahrer als begeisterte Reiseführer, drehen für mich kleine Extrarunden durch Lillehammer, fahren zu Aussichtspunkten und zeigen die Wiege der Verfassung. Weil ich die Jugendherberge in Trondheim erst nach 23 Uhr erreiche, will man mich nicht mehr zu anderen Leuten ins Zimmer lassen. Ich muss ein Einzelzimmer nehmen und werde um stolze 75 Mark erleichtert. Dafür habe ich vier Betten für mich allein. Aus Prinzip benutze ich zwei Decken und verteile meine Sachen auf alle Betten. Und natürlich schlafe ich oben.

Fünfter Tag. Gleich das erste Auto hält und setzt mich ein paar Kilometer hinter dem Städtchen Hell ab. Doch der glatte Start täuscht. Nunmehr zähes Warten auf Fünfzehn-Kilometer-Lifts. Eine, anderthalb, zwei Stunden stemme ich mich Sonne wie Wind entgegen und versuche, so harmlos wie möglich auszusehen. Nach elf Stunden bin ich knappe 180 Kilometer weit gekommen und suche den Wald nach am nordöstlichen Ende des Snåsvatnet, des siebtgrößten Sees im Lande, nach einer Stelle zum Zelten ab. In Norwegen ist es tausendjähriges Recht, dass jedermann im Wald für zwei Nächte sein Zelt aufschlagen darf, solange er 150 Meter vom nächsten Haus wegbleibt und keine Spuren hinterlässt. Rechte, murmele ich, wollen wahrgenommen werden, bohre den Hering in moosigen Grund und markiere somit zugleich den weitesten Punkt meiner Reise bei etwa 64°15’ N und 012°15’E.

Sechster Tag. Nach meinen Berechnungen habe ich mich um die 750 Kilometer von Oslo entfernt. Zum Polarkreis sind es noch 430. Soll ich es darauf ankommen lassen? Andererseits ist die Hälfte vom Geld ausgegeben. Wenn ich so langsam vorankomme wie gestern, brauche ich mehr Übernachtungen als ich mir leisten kann. Also lieber Rücksturz zur Hauptstadt. Eine Ermessensentscheidung. Die Mitternachtssonne habe ich so zwar nicht gesehen, aber richtig dunkel wurde es auch hier schon nicht mehr. Ich rede mir ein, dass ich praktisch alles erlebt habe.

Kaum habe ich den Daumen draußen, hält ein 77er Chevrolet Beauville. Als ich die Schiebetür öffne, fallen mir Coladosen, ein Fußball und abgenagte Fischreste entgegen. Die beiden Fahrer erklären mir, es sei viel zu früh im Jahr, um nach Norden zu trampen und liefern mich noch am selben Tag wieder in Oslo ab. Immer noch mit knapp 230 Mark in der Tasche.

Achter Tag. Nieselregen. Ich sitze in Oslo fest, weil die Fähren restlos ausgebucht sind. Aus zwei geplanten Übernachtungen werden drei, und in Oslo kann man schlecht zelten. Außerdem kostet die Fähre zurück doppelt so viel wie auf dem Hinweg: Für die Nacht muss ich eine Kabine nehmen. Plötzlich sinkt der Geldspiegel rapide, die Museen suche ich nach Eintrittspreisen aus. Die Nationalgalerie ist umsonst, die Kon-Tiki und das Fram-Museum sind für Studenten billiger. Und eine Tageskarte für die U-Bahn kostet zehn Mark. Für die Rückfahrt durch Dänemark nach Berlin bleiben zwanzig Mark - das muss reichen.

Beim Kapitän a.D. bin ich der einzige Gast. Abends werde ich zum Biertrinken in einen großen Sessel dirigiert. Ich erzähle von dem Erinnerungsfoto, das ich am Steuerrad der “Fram” gemacht habe, jenes Polarschiffes, das einst Nansen zum Nord- und Amundsen zum Südpol gebracht hat. Der Kapitän wettert gegen die Touristeninformation, die ihm nie Gäste schicke, und grummelt etwas von Amerikanern, die ihre Schuhe nicht ausziehen. Später redet er in einer Sprache, die ich nicht mehr verstehe, der Sprache seiner Väter, und innerlich segle auch ich schon langsam der Heimat entgegen.

Restgeld: 10 DM

Martin Kaluza (Text und Foto)

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