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„Dann haben wir weiter Jazz gespielt“

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Coco Schumann hat den Swing schon gespielt, als die Musik noch das neueste Ding war - und von den Nazis verboten. Weil seine Mutter Jüdin war, wurde er verhaftet. Dass er Auschwitz überlebte, verdankt er der Musik. (grand guitars 2007)

Coco Schumann ist Jazzmusiker der ersten Stunde. Schumann, mit bürgerlichem Namen Heinz Jakob, wurde am 14. Mai 1924 in Berlin geboren, seine Mutter war Jüdin. Noch bevor er volljährig war, trat er als Swing-Musiker illegal in Tanzcafés auf. 1943 wurde er deportiert, zunächst in Konzentrationslager Theresienstadt, später nach Auschwitz und Dachau. Dass er dort mit anderen Gefangenen in verschiedenen Bands spielte, rettete ihm das Leben.

Nach dem Krieg wurde Schumann, unter anderem an der Seite des Jazzgeigers Helmut Zacharias, zur festen Größe in der Berliner Swingszene und galt als erster Gitarrist, der in Deutschland eine E-Gitarre spielte. 1950 wanderte er mit seiner Frau Gertraut nach Australien aus, doch es zog ihn nach vier Jahren zurück nach Berlin. Er hat als Musiker in Bars und Tanzlokalen gespielt, Marlene Dietrich bei ihren Auftritten im Titania-Palast begleitet und mit Louis Armstrong gejammt.

Über seine Zeit im Konzentrationslager hat Coco Schumann lange geschwiegen. Erst 1986 überzeugte ihn ein Journalist, seine Geschichte zu erzählen, die inzwischen auch in Cocos Buch „Der Ghetto-Swinger“ nachzulesen ist. Dort schreibt Schumann, dass er ein Musiker ist, der im KZ gesessen hat, und kein KZler, der Musik macht. Mit dem Coco Schumann Quartett tritt er heute noch regelmäßig auf.

Ich besuchte Schumann in seinem Reihenhaus in Berlin-Zehlendorf. Während des Gesprächs zeigt Schumann Fotos, Zeitungsausschnitte und Videoaufzeichnungen, die er im ersten Stock aufbewahrt. Mit einem Blick auf die Videokassetten mit seinen gesammelten Dokumentationen sagt Coco: „Wenn Sie noch vier Wochen Zeit haben, kann ich Ihnen auch mehr zeigen.“

 

Herr Schumann, Sie waren sehr früh vom Swing begeistert.

Von Anfang an eigentlich. Mit dreizehn Jahren ging das los.

Das war also 1938. Was war das damals für eine Musik, was für ein Lebensgefühl?

Es war die Musik aus amerikanischen Filmen mit Fred Astair und Ginger Rogers. Jazzmusik war Tanzmusik. Count Basie hat mal gesagt: „Wenn die Leute nicht mehr nach meiner Musik tanzen wollen, mache ich die falsche Musik.“ Basie, Benny Goodman und die anderen haben ja alle in Hotels zum Tanz gespielt. In Berlin gab es damals den Tanzpalast Delphi, der heute ein Kino ist. Das Delphi hatte auch schon Tischtelefone, und ich glaube, die Decke war im Sommer zu öffnen. Da spielten die tollsten holländischen und belgischen Bands im Stil von Basie und Ellington.

Ihr erstes Instrument war das Schlagzeug. Wie kamen Sie zur Gitarre?

Ein Cousin väterlicherseits wurde zum Militär eingezogen, und er besaß so eine richtige Klampfe, eine Wandergitarre. Die hinterließ er mir. Ich hatte einen Deutschlehrer, der nebenbei Musik unterrichtete. Als ich meine Gitarre mitbrachte, zeigte er mir die ersten beiden Akkorde, nämlich D-Dur und A7. Dazu musste man singen: „Zehntausend Mann, die zogen ins Ma-növer“, und auf das „över“ den Akkord wechseln. Und dann wieder zurück: „Zehntausend Mann, die zogen ins Ma-növer. Zabumm bidi bumm, zabumm bidi bumm, die zogen ins Manöver.“ Das war meine erste Gitarrenstunde. Später habe ich mir dann einen anderen Lehrer gesucht – studieren durfte ich ja nicht, weil ich den Stern tragen musste.

Und dann hat Sie die Musik auch früh in Lebensgefahr gebracht. Von den Nazis wurde Swing als „entartete Musik“ bezeichnet und verboten. Sie haben ganz frech weiter gespielt.

Wir konnten schnell umschalten. Im Groschenkeller zum Beispiel postierten wir einen Studenten oben an der Kellertreppe und einen unten. Die Kontrolleure von der Reichsmusikkammer müssen irgendwo einen Fundus gehabt haben – sie kamen immer in Ledermänteln und mit Schlapphüten. Und wenn der Student oben zwei so verdächtige Personen mit Ledermänteln und Schlapphüten sah, dann hat erst er gepfiffen und dann der Student unten, damit wir es auch hörten. Wir sind dann sofort umgestiegen zum Beispiel vom „Tiger Rag“ auf „Rosamunde“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ oder irgendeine deutsche Schnulze. Wir spielten so lange, bis die beiden alles begutachtet und für in Ordnung befunden hatten. Dann haben wir weiter Jazz gespielt.

Und das Publikum hat sich einen Spaß daraus gemacht, lauthals mitzusingen?

Ja, die waren ja alle da im Keller, weil sie sonst kaum irgendwo Jazz hören konnten. Da saßen Filmschauspieler neben Bierfahrern und den Sängern aus der Staatsoper – ein ganz gemischtes Publikum. Es war eine verschworene Gemeinschaft.

Das ging lange gut, aber eines Tages wurden Sie verhaftet.

Eines Tages bekam ich eine Vorladung zur Kriminalpolizei am Alexanderplatz, es war im März 1943. Ich sollte erst gleich nach Auschwitz, aber mein Vater, der ja Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg gewesen war, hat diesen eiskalten Obersturmführer Walter Dobberke dazu überreden können, mich nach Theresienstadt zu bringen. Wir wussten alle nicht viel über KZs, aber es hatte sich herumgesprochen, dass Theresienstadt kein Vemichtungslager war. Es war ein Vorzeigelager und sollte der Außenwelt vortäuschen, dass die Menschen in den deutschen KZs gut behandelt werden. Die Gefangenen dort waren zum Beispiel Prominente, Mischlinge wie ich oder verdiente Frontkämpfer wie mein Großvater.

Dort hat Ihnen die Musik dann das Leben gerettet.

Ich kam an, habe gesehen, dass es in dem Lager ein Kaffeehaus gab, in das ich erst einmal nicht reinkam, weil man dazu eine Karte brauchte. Ich habe gesagt, „ich bin aber Musiker", und da wurde mir gesagt, ich solle zum Hintereingang gehen, wo die Band gerade Pause machte. Es gab dort jede Menge Instrumente, die von ihren Besitzern ins Lager mitgebracht worden waren und die sie gleich an der Rampe hatten abgeben müssen – auch in Auschwitz. Auf der Gitarre, die in der Ecke stand, spielte ich dann „Honeysuckle Rose“ vor. Das war das erste Stück, was man damals auf Sessions spielte. Ich erfuhr von einem anderen Gitarristen, dass seine Band nicht auftreten konnte, weil der Schlagzeuger nach Auschwitz gebracht worden war und habe dann gleich auf der nächsten Probe mitgespielt. Damit war ich der Schlagzeuger der Ghettoswingers. Ich habe immer, auch danach in Auschwitz, einen Schutzengel gehabt.

Sie mussten in Auschwitz für die Offiziere häufig das Lied „La Paloma“ spielen.

Wir wussten lange nicht, warum ausgerechnet „La Paloma“. Wir dachten, es hätte mit der Zeile „Einmal muss es vorbei sein“ zu tun gehabt. Aber als ich den Film „Große Freiheit Nummer 7“ mit Hans Albers gesehen hatte, wurde mir klar, dass das Stück damals wahrscheinlich einfach so populär war, dass die sich das immer gewünscht haben. Es war sozusagen in den Top 10.

In den Neunzigerjahren haben Sie das Stück für einen Sampler mit La-Paloma-Interpretationen neu eingespielt. Kostete das nicht große Überwindung?

„La Paloma“ ging mir nicht so nahe. Es ist ein gutes, schönes Lied, ich wünschte, ich hätte es geschrieben. Aber es geht mir nicht so unter die Haut wie eine Nummer von Ella Fitzgerald. Außerdem sage ich immer wieder: Was kann das Lied dafür, dass es von den Nazis missbraucht wurde?

Sie gelten als der erste Musiker, der in Deutschland eine elektrische Gitarre gespielt hat. Die waren kurz nach dem Krieg sicher nicht einfach zu bekommen?

Im amerikanischen Radio AFN hatte ich Charlie Christian gehört. Ich habe dann Roger Rossmeisl, den Sohn des Gitarrenbauers Wenzel Rossmeisl, gefragt, was das denn für ein komischer neuer Klag sei. Und der wusste schon, dass der Christian über einen Tonabnehmer, der die Schwingungen abnimmt, und einen Verstärker spielte. Er fragte mich: „Soll ich dir so ein Ding bauen?“ Ich sagte: „Na klar. Kannst du das denn?“ Nach dem Krieg lagen hier bergeweise Kopfhörer von Militärfunkern herum, die keiner brauchte. Aus diesen Kopfhörern hat Roger die Magnete herausgenommen und sie mit Kerzenwachs in einer Blechschachtel eingegossen. Das war im Sommer 1946. In der Band hatten wir einen Bassisten aus Bulgarien, Eugen Petrovich, der war Elektriker und hat mir aus alten Radioröhren einen Verstärker gebaut. Auf meiner CD „Double – 50 Years in Jazz“ sind Aufnahmen mit Helmut Zacharias, die ich mit diesem Tonabnehmer und diesem Verstärker gespielt habe. Und sie klingen gut, jazzig.

Ging es Ihnen auch um die Lautstärke?

Die Lautstärke war kein Problem, man konnte ja vor den akustischen Gitarren einfach ein Mikrpfon aufstellen. Nein, es ging mir um den Sound.

Erinnern Sie sich, wie die Neuerung beim Publikum ankam?

Sehr gut. Helmut Zacharias und ich spielten damals eine Weile in einem Erholungshotel für amerikanische Militärs am Riessersee. Das wurde jeden Samstag im Radio übertragen. Als ich dann wieder in Berlin ankam, lag hier bergeweise Post von Fans, die von dem Sound begeistert waren.

Sie standen als Musiker auch jahrzehntelang mitten im Nachtleben Berlins.

Ja natürlich. Seit meiner frühesten Jugend eigentlich. Wir hatten das Glück, jede Nacht nicht weniger als acht Stunden zu spielen. Es war damals schick, in eine Bar zu gehen und Sekt zu trinken, das war mondän. Ich habe in Bars gespielt, in die nur Millionäre gingen, und an der Wand hingen echte Gemälde. Da mussten wir alles spielen, ob nun russische Stücke oder südamerikanische. Einmal bin ich da erst mittags um zwölf rausgekommen. Es war nicht einfach, das meiner Frau zu erklären. Sie war aber eine tolle Musikerfrau und hatte viel Verständnis.

Wie hält man es auf Dauer durch, die ganze Nacht zu spielen?

Wir haben uns alle gefreut, dass wir wieder spielen konnten. Die Musiker hatten alle den Krieg erlebt und die Zeit, in der die Musik verboten war.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Tanzmusik immer weiter weg vom Swing.

Man musste damals alles spielen, bis hin zum Ententanz.

Wann kam der Moment, an dem Sie beschlossen, keine Tanzmusik mehr zu spielen, sondern sich wieder ganz dem Swing zu widmen?

Eines Abends 1985, als wir den Ententanz immer und immer wieder spielen sollten, ist mir der Kragen geplatzt. Und das war genau der richtige Moment, weil zu dieser Zeit der Swing wieder populärer wurde.

Heute sind Sie als Zeitzeuge aktiv, spielen regelmäßig Konzerte. Sie treten in Julian Benedikts Dokumentarfilm „Play Your Own Thing“ über den europäischen Jazz auf, und Trikont plant, demnächst Ihre dritte CD herauszubringen. Bekommen Sie jetzt eine späte Anerkennung?

Nein, Anerkennung hatte ich eigentlich von Anfang an. Schon 1950 hatte ich in der Musikzeitschrift „Viervierteltakt“ gute Kritiken.

Ihre Auftritte in Jazzclubs sind regelmäßig ausverkauft. Ich habe eines Ihrer Konzerte im Badenschen Hof in Berlin gesehen. Sie waren umschwärmt von weiblichen Fans.

Ja, wat mach ick nur, wenn sie „ja“ sagen?

Interview: Martin Kaluza

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